Irrtum eines Zynikers

Auf der griechi­schen Insel Nisyros lasen Uta und ich den Krimi­nal­roman »Das Dorf in den roten Wäldern« der kanadi­schen Autorin Louise Penny, erschienen 2005. Er spielt in einem einsam gelegenen Dorf im Süden der kanadi­schen Provinz Québec, in dem anglo- und franko­phone Kanadier in munterer Mischung zusam­men­leben. In Kapitel 1 wird ein „vorge­zo­gener Thanks­gi­ving-Abend“ beschrieben, in dem acht befreun­dete Nachba­rinnen und Nachbarn, darunter das spätere Mordopfer und der spätere Mörder, zusam­men­kommen. Dabei disku­tieren sie unter anderem über einen Spruch des Schrift­stel­lers Oscar Wilde, der das Gewissen der Menschen auf ihre Feigheit zurück­führt: Nur aus Angst, erwischt und verfolgt zu werden, schreckten die meisten Menschen davor zurück, Gewalt­taten zu begehen. Die Runde disku­tiert, ob das auf jede und jeden von ihnen zutreffe, mit überwie­gend bejahender Tendenz.

Ich wider­sprach beim Lesen spontan. Ich war mir sicher, dass Wilde sich hier geirrt hat oder sogar sein Publikum in die Irre führen wollte. Angenommen, es ist so – worin läge der Irrtum seiner Konstruk­tion, und was macht den Irrtum so attraktiv, dass die Autorin und ihre Figuren ihn übernahmen?

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