Voller Morden? Nein, die Welt ist voller Küsse.

Eine Welt voller Küsse: Massenküssen in Zürich (Youtube-Video)

Der britische Philosoph Thomas Hobbes behauptete im 17. Jahrhundert, die Menschheit sei von Natur aus in einen Krieg aller gegen alle verstrickt, und nur dank einiger absoluter Herrscher sei dieser Kriegszustand in vielen Ländern unterdrückt. In anderen Gestalten tauchte das gleiche Dogma seitdem immer wieder auf. Etwa in der Form: „Die Welt ist voller Morden“ (Walter Flex 1917). Oder: „Wo man hinschaut: Die Welt brennt an allen Ecken und Enden.“ So geisterte es 2014, hundert Jahre nach Beginn des I. Weltkriegs, durch Kommentare, Moderationen und Facebook-Beiträge.[1] 2023, mit dem Ukrainekrieg und dem neuen Nahostkrieg im Nacken, schien alles noch viel schlimmer geworden zu sein. Doch ich bin geneigt, das Dogma in dieser Form für einen Irrtum zu halten, den man buchstäblich widerlegen kann. Denn jeden, der mich jetzt ungläubig und kopfschüttelnd anstarrt, bitte ich, den Bildschirm für drei Minuten auszuschalten und in dieser Zeit alle Länder aufzuzählen, in denen jetzt, also am heutigen Tage, Menschen im Krieg gestorben sind.

Ja, meine Liebe, mein Lieber – welche Länder sind das?

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Was Elon Musk gegen die Künstliche Intelligenz hat

Ende März 2023 veröffentlichte das Future of Life Institute in Narberth, Pennsylvania (USA), einen offenen Brief, der die KI-Labore wegen drohender Gefahren zu einem sechsmonatigen Entwicklungs­moratorium und die Gesetzgeber zu regulierenden Gesetzen aufrief. Zu den Erstunterzeichnern gehörten Tesla- und Twitter-Chef Elon Musk, der Apple-Mitbegründer Steven Wozniak und der Skype-Gründer Jaan Tallinn. Der Aufruf brachte einmal mehr ohne Indizien oder Begründung die KI in Zusammenhang mit Propaganda und Lügen („Should we let machines flood our information channels with propaganda and untruth?“) und stellte weitere steile Thesen auf wie die, dass KI uns Menschen überall ersetzen und die Zivilisation wegen KI außer Kontrolle geraten könne. Alles rhetorisch so gesetzt, als seien die KI-Entwickler, also Leute von OpenAI, Microsoft und Google, Menschen, die das alles wollen oder billigend oder fahrlässig in Kauf nehmen, und als seien die Unterzeichner die Leute, die das nicht wollen.

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Wird die KI das Problem der »Fake News« verschlimmern?

Im internen Chat eines Berufsverbands der Kreativwirtschaft ging es seit Dezember 2022 hoch her: Viele Kolleginnen und Kollegen probierten den KI-Bot ChatGPT aus und tauschten sich über ihre Erfahrungen aus. Eine Kritik an der neuen Technik kam immer wieder auf: die Prognose, die KI werde von Konzernen, Diktatoren und Trollen dazu genutzt werden, gewaltige Fluten von »Fake News« zu erzeugen, die die allgemeine Verwirrung noch weiter steigern werden. Als Historiker und Politologe frage ich: Ist diese Prognose plausibel? Und ist das wirklich das zentrale Problem der KI-Bots?

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Nein, die Filterblasen und Echokammern sind nicht schuld

Den seltsamen Widerspruch habe ich schon mehrfach erwähnt: Einerseits heißt es dauernd, die sozialen Medien hielten uns in Filterblasen und Echokammern gefangen, in denen wir nur noch Menschen begegneten, die unsere Meinungen teilen. Andererseits heißt es genauso dauernd, die sozialen Medien hätten zu einer Verrohung der politischen Debatten geführt. Diese beiden Thesen passen einfach nicht zusammen und widersprechen meiner persönlichen Erfahrung, dass Debatten mit verhärteten Fronten genau dann entstehen, wenn ich im Internet mit politischen Gegnern diskutiere, mich also gerade außerhalb meiner angeblichen Filterblase bewege. Das hat 2022 der Amsterdamer Soziologe Petter Törnberg in einer Studie bestätigt.

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Die wunderbare Welt der Panzer

Einer freut sich ’nen Säbel über den Krieg: Der Leopard-Hersteller Rheinmetall. Sicher auch BASF und andere Chemiekonzerne, die Grundstoffe für die Munition liefern. Die Zeitung „Werben & Verkaufen (W&V)“ untersuchte und bewertete im Februar 2023 die dazu passenden Werbekampagnen von Rheinmetall. Ich zitiere Auszüge.

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Der Feind steht rechts

Ein linksliberaler Medientopos ist die Klage über die Spaltung der Gesellschaften, über unversöhnliche, oft moralisch durchwirkte Kontroversen, und oft werden Social Media und die berüchtigten Filterblasen dafür verantwortlich gemacht, die angeblich das Internet erzeugt. Abgesehen davon, dass diese Erklärungsversuche einander krass widersprechen – denn wenn wir wirklich in Filterblasen lebten, dann würden wir mit denen, mit denen wir uns streiten, nie zusammenstoßen –, abgesehen davon sind sie historisch einfach falsch. Die Spaltung geht auf Aktivitäten alter Männer in alten Medien zurück.

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Der Unfug vom binären Denken

Im WDR-Funkhausgespräch stritten am 12. November 2020 der Politologe Karl-Rudolf Korte, die Jungsozialistin Jessica Rosenthal und die Klimaaktivistin Ronja Weil über die »Krise der Parteien« und die Frage, ob eine »Demokratie von unten« an ihre Stelle treten kann. Korte sagte in der Debatte einige kluge Dinge, aber als es darum ging, warum manche Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen, etwa zwischen Coronabesorgten und Coronaignoranten, oft eska­lieren, glitt er in ein Dünkeldogma ab: Er führte solche Eskalationen auf die »binäre Logik« der Computer und das damit einhergehende »binäre Denken« der Internetbenutzer zurück.

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20 Fragen der „Coronakritiker“, hier beantwortet

Unter dem Titel „Fragenkatalog von Fragen, die die Medien uns zur Zeit nicht beantworten“ lassen sog. Coronakritiker seit Ende August 2020 Fragen kursieren und fordern ihre Anhängerinnen auf, die angeblich unbeantworteten Fragen weiterzuleiten. Ich verderbe ihnen das Spielchen ein bisschen, indem ich die ersten 20 davon hier beantworte – und zwar unter Rückgriff auf diverse Medienberichte. Die Fragen 17 und 18 habe ich nicht inhaltlich beantwortet. Alle Fragen fangen mit dem Vorsatz „Wie kann es sein“ an.

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Die Seuche als historisches Ereignis (Stand 1. Juli 2020)

Von Jens Jürgen Korff
Der Streit mit Leuten, die einen „Corona-Fake“ sehen, auch der Streit um die Einschätzung der Opferzahlen, drängt mich dazu, als Historiker eine Einschätzung der strittigen Fragen vorzunehmen. Dabei geht es nach Lage der Dinge zunächst um die historische Entwicklung der Seuche und der Gegenmaßnahmen, vor allem des großen Lockdown im März 2020. Als historisches Ereignis hat die Seuche zusammen mit der Kontaktsperre natürlich auch längerfristige Folgen, die Historiker analysieren müssen – aber dazu ist es zu früh.

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Mit Beethoven gegen die Folter

Künstler können die Welt nicht verändern? Das kann man anders sehen. Der britische Evolutionspsychologe Steven Pinker ging in dem 2011 erschienenen Mammutwerk »Gewalt« der Frage nach, warum sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Europa eine Kultur des Mitleids, der Empathie ausbreitete (damals Empfindsamkeit genannt) und dafür sorgte, dass die Folter stark eingeschränkt wurde, dass die Todesstrafe auf wenige Verbrechen beschränkt wurde, dass öffentliche Hinrichtungen als Schauspiel aus der Mode kamen und dass das vorher übliche Einkerkern von Verschuldeten in Schuldtürmen in vielen Ländern beendet wurde. Pinkers These dazu hört sich gewagt an: Das hing mit der gleichzeitig stark zunehmenden Verbreitung von Romanliteratur und – ich ergänze – thematisch ähnlichen Dramen und Opern zusammen.

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