Irrtum eines Zynikers

Auf der griechi­schen Insel Nisyros lasen Uta und ich den Krimi­nal­roman »Das Dorf in den roten Wäldern« der kanadi­schen Autorin Louise Penny, erschienen 2005. Er spielt in einem einsam gelegenen Dorf im Süden der kanadi­schen Provinz Québec, in dem anglo- und franko­phone Kanadier in munterer Mischung zusam­men­leben. In Kapitel 1 wird ein „vorge­zo­gener Thanks­gi­ving-Abend“ beschrieben, in dem acht befreun­dete Nachba­rinnen und Nachbarn, darunter das spätere Mordopfer und der spätere Mörder, zusam­men­kommen. Dabei disku­tieren sie unter anderem über einen Spruch des Schrift­stel­lers Oscar Wilde, der das Gewissen der Menschen auf ihre Feigheit zurück­führt: Nur aus Angst, erwischt und verfolgt zu werden, schreckten die meisten Menschen davor zurück, Gewalt­taten zu begehen. Die Runde disku­tiert, ob das auf jede und jeden von ihnen zutreffe, mit überwie­gend bejahender Tendenz.

Ich wider­sprach beim Lesen spontan. Ich war mir sicher, dass Wilde sich hier geirrt hat oder sogar sein Publikum in die Irre führen wollte. Angenommen, es ist so – worin läge der Irrtum seiner Konstruk­tion, und was macht den Irrtum so attraktiv, dass die Autorin und ihre Figuren ihn übernahmen?

Gewissen und Feigheit

Der Irrtum des liter­ar­his­to­risch bekannten Zynikers (oder seiner Roman­figur) liegt vermut­lich in einer falschen oder unvoll­stän­digen Paral­le­li­sie­rung. Er tut im ersten Schritt so, als seien Gewissen und Feigheit Gegen­sätze: Gewissen das Gute, Feigheit das Schlechte. Um dann im zweiten Schritt den Gegen­satz aufzu­heben. Dabei unter­schlägt er aber eine wichtige Kompo­nente: das Bedürfnis der meisten Menschen, mit ihren Mitmen­schen im Einklang zu leben und von ihrer Dorfge­mein­schaft respek­tiert und gemocht zu werden. Dieses Motiv geht wahrschein­lich wirklich in die Konstruk­tion des Gewis­sens ein, an dem sich Menschen meistens orien­tieren. Es ist konsti­tutiv für das soziale Zusam­men­leben der Menschen. Wilde aber verleumdet es, indem er es mit „Feigheit“, der Angst vor Strafen, in einen Topf wirft. Es mag richtig sein, dass die Angst vor dem Verlust sozialer Anerken­nung und sozialer Kontakte sich mit der Angst vor Strafen vermischt. Doch Wilde hat in dem Spruch unter­schlagen, dass die meisten Menschen sich wohl fühlen und Freude empfinden, wenn sie Freund­schaft und freund­liche Nachbar­schaft erleben. Es gibt also nicht nur ein Angst­motiv, sondern auch ein Wunsch­motiv, das die Menschen dazu treibt, fried­lich und freund­lich und nicht gewalt­tätig mit ihren Mitmen­schen  umzugehen.

Dazu kommen zwei weitere Motive, die Wilde ebenfalls vernach­läs­sigt hat: die Empathie und die vernünf­tige Erwägung, die hinter der Goldenen Regel steckt: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu. Menschen sind empathisch mit ihren Mitmen­schen – sie spüren Verlet­zungen, die Mitmen­schen zugefügt werden, ähnlich wie eigene Verlet­zungen. Damit verbunden ist die Furcht, ein Leben lang vom letzten Blick oder letzten Laut des Opfers verfolgt zu werden. Diese Furcht kann nur dadurch wirksam sein, dass wir das Leiden und Sterben des Opfers nachemp­finden können. Es hat nichts mit Feigheit zu tun, wenn Menschen sich von dieser Furcht leiten lassen; hier dehnt Wilde den Begriff Feigheit übermäßig aus. Es ist auch nicht feige, sich auf den Boden zu werfen, wenn geschossen wird, aus dem brennenden Haus hinaus­zu­laufen oder vor einer Gruppe randa­lie­render Jugend­li­cher wegzu­laufen. Feige würde das alles erst dann, wenn das Weglaufen mit dem im-Stich-Lassen eines geliebten Menschen verbunden ist. Diesen Unter­schied hat Wilde verwischt. Auch die indivi­du­elle Vorsicht, die Menschen dazu bringt, eine mögliche Strafe zu vermeiden, ist nicht feige, sondern Resultat einer Kosten-Nutzen-Erwägung. Feige ist solches Verhalten immer erst dann, wenn es mit einer Pflicht in Wider­spruch gerät.

Würde ich meine Mutter töten?

Wenn wir den Umstand beiseite lassen, dass Wilde das falsche Wort benutzt hat, um seiner Aussage mehr provo­ka­tive Schärfe zu geben, bleibt dann nicht doch die Frage stehen, die die Figuren in der erwähnten Roman­szene ernst­haft disku­tieren? Ist es so, dass ich nur deshalb meine Mutter im Pflege­heim nicht umbringe, um mein Erbe vor der Vernich­tung durch die fortlau­fenden Pflege­kosten zu retten, weil ich befürchten müsste, dass Polizei und Justiz mich als Nutznießer ihres Todes ins Visier nehmen würden? Nein, es gibt viele weitere Gründe und Motive, die dagegen sprechen:

Nächs­ten­liebe: Ich bin ihr Sohn und liebe sie. Das bedeutet: Ich wünsche ihr nicht den Tod, sondern ein gutes Leben.

Famili­en­ehre: Ich bin ihr Sohn und fühle mich dazu verpflichtet, sie in ihrer Schwäche zu schützen. Mit dieser Position ist auch ein gewisser Stolz verbunden.

Empathie: Ich habe Mitge­fühl mit ihr und würde ihre Todes­angst, ihren Todes­schmerz und ihren Schmerz über den Verrat des Sohnes mitemp­finden. Das will ich vermeiden.

Tötungs­hem­mung: Ich weiß, dass ich im Moment der Tat vor der Tat zurück­schre­cken würde, weil sich meine angebo­rene Hemmung melden würde, einen Menschen oder ein menschen­ähn­lich empfin­dendes Tier zu töten.

Goldene Regel: Ich weiß, dass meine eigene Hoffnung, gepflegt zu werden, wenn ich einst hilflos sein sollte, davon abhängt, dass ich mich selber um die Pflege eines hilflosen Menschen in meiner Nähe bemühe.

Gott oder das Gewissen: Ich habe die Vorstel­lung, dass mich meine Erinne­rung an das Verbre­chen mein weiteres Leben lang verfolgen und einen dunklen Schatten auf alle meine Freuden werfen würde – wo auch immer diese Vorstel­lung herkommt. Also die Furcht vor einer Vergel­tung, die ich mir selbst zufügen würde.

Speziell den letzten Punkt, die Furcht vor innerer oder höherer Vergel­tung, hat Wilde mit der Furcht vor polizei­lich-juris­ti­scher Verfol­gung gleich­ge­setzt und auf diese Weise abgewertet, obwohl beide aus unter­schied­li­chen Quellen stammen, von denen eine zu den edlen Haltungen gehört.

Der Irrtum des Zynikers war mögli­cher­weise nicht ein Irrtum des Schrift­stel­lers Oscar Wilde, sondern ein Irrtum seiner Figur, des Dandys Lord Henry (in Wildes Roman »Das Bildnis des Dorian Gray«). Inwie­weit deren glitzernde Aphorismen und Paradoxa Wildes eigene Positionen reprä­sen­tieren, weiß ich nicht, scheint auch umstritten zu sein. Die Kunst­fer­tig­keit, mit der Wilde gerade diese Positionen gestaltet hat, spricht dafür, dass er sie teilte, ebenso das Vorwort des Romans, das praktisch die gleiche Philo­so­phie verkündet, nämlich eine, die die ästhe­ti­sche Qualität von Kunst­werken über alle anderen Werte stellt und alles pauschal abwertet, das nicht dem erlesenen Geschmack eines bestimmten Kunst­be­trach­ters genügt. Aller­dings gibt es in der Litera­tur­his­torie die Einschät­zung, dass Wilde mit dem Roman genau diese Haltung mancher seiner Freunde habe in Frage stellen wollen.

Mord als attraktive Möglichkeit betrachtet

Was macht den Irrtum so attraktiv, dass die gedachte Runde von acht Personen in einem Dorf in Québec ihn ernst­haft disku­tiert und fast jede davon versucht, die These auf sich selbst anzuwenden? Warum ziehen sich manche Leute diesen Schuh gerne an? Warum beschul­digen sie sich selbst, kein autonomes Gewissen zu besitzen? Dass die Krimi­au­torin Louise Penny diese Figuren ihren Leserinnen als Sympa­thie­trä­ge­rinnen anbietet, deutet darauf hin, dass die Autorin selbst diese Haltung teilt und ähnli­ches von vielen ihrer Leserinnen erwartet. Die Persön­lich­keit des Mörders, der am Ende entlarvt wird, scheint Oscar Wildes und Fried­rich Nietz­sches These zu bestä­tigen, dass jede Freund­lich­keit Heuchelei sei. Macht sich Louise Penny dieses Menschen­bild ebenfalls zu eigen?

Das ist aus dem Roman selber nicht zu schließen. Was könnte aber der Grund für eine solche Haltung sein? Wahrschein­lich der gleiche, der Menschen auch in anderen Zusam­men­hängen dazu treibt, ihre Autonomie zu verleugnen und sich willig in Verhält­nisse von Befehl und Gehorsam zu begeben: Angst vor der eigenen Entschei­dungs­frei­heit und der damit verbun­denen persön­li­chen Verant­wor­tung. So gewinnt das Militär seine Soldaten, so gewinnen die Kirchen ihre frommen Gläubigen, so gewinnen Jugend­gangs ihre Mitläufer. Doch es gibt wohl auch eine Art Gruppen­zwang, in der Gruppe die eigenen morali­schen Maßstäbe nicht zu erwähnen. Vielleicht weil man sich nicht als „Moral­apostel“ gegen­über den anderen „aufspielen“, weil man kein „Spiel­ver­derber“ sein will. Diese Scheu führt leider dazu, dass manche Gruppen gemeinsam Verbre­chen begehen können, die die einzelnen Personen nicht begehen würden. Jeder, der mitmacht, spürt dabei mögli­cher­weise die eigenen morali­schen Schranken, traut sich aber nicht, darüber zu sprechen und danach zu handeln. Statt­dessen überspielt man die eigenen Skrupel mit aufge­setztem Lachen, übertönt sie mit Grölen oder heulenden Motoren. Solche Ereig­nisse werden von außen und im Nachhinein gerne als jene innere Bestie inter­pre­tiert, die angeb­lich „unter dem dünnen Firniss der Zivili­sa­tion“ lauere. Fälsch­li­cher­weise, denn in Wirklich­keit ist es genau anders­herum: Das innere Gewissen, die innere Empathie­fä­hig­keit der Einzel­person spricht gegen die Gewalttat, wird aber mit einem gruppen­kon­formen Rollen­bild überpin­selt, das die Gewalttat ermög­licht. Die „Bestie“ sitzt also nicht im Kern, sondern in der Schale der Person. Sie ist auch gar keine Bestie, sondern eine Maschine, die oft ziemlich viel mit Feigheit zu tun hat.

Veröffentlicht von

Jens J. Korff

Historiker, Politologe, Texter, Rheinländer in Westfalen, Sänger, Radfahrer, Wanderer, Naturbursche, Baumfreund, Pazifist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.