Dumm oder böse? Faschismusbegriffe im Positivismusstreit

In Facebook begeg­nete mir im Juni 2024 ein Zitat des briti­schen Mathe­ma­ti­kers und Philo­so­phen Bertrand Russell, der 1940 auf die Frage, wie Faschismus beginne, geant­wortet hat: „First, they fasci­nate the fools. Then they muzzle the intel­li­gent.“ (Zuerst faszi­nieren sie die Dummköpfe. Dann bringen sie die Intel­li­genten zum Schweigen.) Ich antwor­tete per Kommentar: „Russell irrte in diesem Punkt. Faschisten und Demokra­tinnen unter­scheiden sich nicht entlang von Dummheit und Intel­li­genz, sondern entlang von destruk­tivem und lebens­freund­li­chem Charakter. Faschismus ist ein Charakter­fehler. Auf Basis eines lebens­feind­li­chen Charak­ters kann es durchaus schlau sein, Faschistin zu werden. Das sagte Erich Fromm, dem ich hier folge.“
Zwei Tage zuvor hatte ich den Wikipedia-Artikel »Wissen­schafts­kritik« gelesen und bearbeitet, war dabei auf das Thema Positi­vis­mus­streit gekommen. Meine These ist, dass die beiden philo­so­phi­schen Positionen im Positi­vis­mustreit der 1960er Jahre mit den Positionen “dumme Faschisten” vs. “böse Faschisten” parallel laufen.

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Das Böse im Auge

Das erste Foto hat mir schon gereicht: eine Schnell­straße, zwei quer stehende, ausge­brannte Autos, aufge­ris­sene Türen. Auf der Fahrbahn liegen, schemen­haft zu sehen, die Leichen der beiden Fahrer. Die Hamas ist im Zentrum des Bösen angekommen. Muss ich irgendwas revidieren? Ich glaube nicht, denn als Pazifist und Friedens­kämpfer habe ich diese Truppe und Mörder­bande auch vorher schon nicht ausstehen können oder genauer: als feind­liche Kraft erkannt.

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Einrede eines Cis-Mannes zum Transismus

Wahrschein­lich glauben manche, dass ich als „Cis-Mann“ gar kein Recht habe, Trans­per­sonen zu kriti­sieren. Dieses Recht habe ich, weil mir das Grund­ge­setz garan­tiert, dass ich meine Meinung frei äußern und verbreiten darf. Doch es gibt auch einen beson­deren persön­li­chen Grund für meine Einmi­schung in die persön­li­chen Angele­gen­heiten anderer: Ich liebe die Mischung „typisch männli­cher“ und „typisch weibli­cher“ Eigen­schaften in mir; und mir scheint, dass das Konzept der Geschlechts­um­wand­lung sich gegen solche Mischungen richtet.

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Der Feind steht rechts

Ein links­li­be­raler Medien­topos ist die Klage über die Spaltung der Gesell­schaften, über unver­söhn­liche, oft moralisch durch­wirkte Kontro­versen, und oft werden Social Media und die berüch­tigten Filter­blasen dafür verant­wort­lich gemacht, die angeb­lich das Internet erzeugt. Abgesehen davon, dass diese Erklä­rungs­ver­suche einander krass wider­spre­chen – denn wenn wir wirklich in Filter­blasen lebten, dann würden wir mit denen, mit denen wir uns streiten, nie zusam­men­stoßen –, abgesehen davon sind sie histo­risch einfach falsch. Die Spaltung geht auf Aktivi­täten alter Männer in alten Medien zurück.

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Wenn die Freundin sich den Coronaleugnern anschließt

Seit Ende April 2020 decken mich Bekannte, auch Freun­dinnen, regel­mäßig mit den weiter­ge­lei­teten Meinungen angeb­li­cher Freiheits­kämpfer ein, die in der Corona-Pandemie eine lügne­ri­sche Verschwö­rung von aktuellen oder zukünf­tigen Dikta­toren wittern. Anfangs machte ich mir die Mühe, diese Meinungen zur Kenntnis zu nehmen und ihnen Stück für Stück zu wider­spre­chen. Dann merkte ich: Das ist uferlos und bringt mich von meinen eigenen Themen ab. Was also tun?

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Jesus und Judas – wer hat wen verraten?

Am Karfreitag starb nicht nur Jesus von Nazaret am Kreuz, sondern auch Judas Iskariot am Baum. Da Jesus ihn als Verräter und Teufel beschimpft (Johannes 6, 70) und dem Verräter den Unter­gang prophe­zeit hat (Lukas 22, 22), haben wir uns angewöhnt, diese Sicht­weise zu übernehmen und den Stricktod des Judas als gerechte Strafe zu bewerten. Die Verrä­ter­figur Judas wurde zum Bestand­teil des christ­lich motivierten Antise­mi­tismus, des Hasses auf die Juden als »Gottes­mörder« und Lumpen. Mein Lieblings-Evange­list Tim Rice übernahm diese Vorur­teile nicht und ließ 1970 in der Rockoper »Jesus Christ Super­star« Judas ausführ­lich selber zu Wort kommen.

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Mit Beethoven gegen die Folter

Künstler können die Welt nicht verän­dern? Das kann man anders sehen. Der briti­sche Evolu­ti­ons­psy­cho­loge Steven Pinker ging in dem 2011 erschie­nenen Mammut­werk »Gewalt« der Frage nach, warum sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts in Europa eine Kultur des Mitleids, der Empathie ausbrei­tete (damals Empfind­sam­keit genannt) und dafür sorgte, dass die Folter stark einge­schränkt wurde, dass die Todes­strafe auf wenige Verbre­chen beschränkt wurde, …

Foto: Gefan­ge­nen­chor zur Première einer Auffüh­rung der Oper Fidelio am 28. Juni 2014 im Gefäng­nishof der Gedenk­stätte Zucht­haus Cottbus. Von Nurfoto – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://​commons​.wikimedia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​3​3​6​5​5​014 

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Übermenschen, aufgepasst!

Mein Freund tonikal hat nach langer Zeit wieder was von sich lesen lassen: “Wenn Intel­lek­tu­elle für Nietz­sche schwärmen”. Apropos Nietz­sche: Hier gibt es eine entzü­ckende 11-Minuten-Zusam­men­fas­sung des Zarathus­trabu­ches im Playmobil-Format.

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Weihnachtliches Lob der Warenwelt

Allge­gen­wärtig ist die Klage über die Kommer­zia­li­sie­rung der Weihnachts­zeit. »Schreck­lich, wie kommer­ziell es zu Weihnachten zugeht!«, rief am 19. Dezember 2019 ein Radio­mo­de­rator in WDR 3 aus. »Da genügt schon ein Blick auf die Wunsch­zettel der Kinder: Sie wollen ein Eifon 13 und Gutschi­lat­schen und ein Bättmänset von Kego.« Als Alter­na­tive propa­gierte er im nächsten Satz ein Weihnachts­ri­tual, bei dem die Kinder mit hölzernen Kegeln, Würfeln und Kreiseln beglückt werden.

Früher? War mehr Lametta

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Der umgedrehte Hobbes: Jäger und Sammler waren nicht kriegerisch, sondern solidarisch

Der immer noch häufig zitierte briti­sche Philo­soph Thomas Hobbes behaup­tete 1651 in seinem staats­theo­r­ethi­schen Werk »Levia­than«, die Menschen im Natur­zu­stand hätten einen Krieg aller gegen alle (bellum omnium contra omnes) geführt. Diese These warf eigent­lich immer schon die Frage auf, wie die Mensch­heit diesen lebens­ge­fähr­li­chen Zustand über Zehntau­sende von Jahren hinweg überlebt haben soll. Dass an Hobbes’ Theorie und Basta-Dogma nichts dran ist, zeigen neuere Erkennt­nisse von Anthro­po­logen und Geneti­kern, die Carel van Schaik und Kai Michel 2016 zusam­men­trugen.

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