“Ökos arbeiten sorgenfrei im öffentlichen Dienst.”

Gegner des Natur­schutzes arbeiten gerne mit der Unter­stel­lung, dass alle, die sich zum Beispiel für den Erhalt eines alten Waldes mit Specht- und Fleder­maus­höhlen einsetzen, im öffent­li­chen Dienst arbeiten müssen, als städti­sche Beamte oder als Lehrer. Denn wenn sie in der freien Wirtschaft arbeiten und sich Sorgen um ihren Arbeits­platz machen müssten, dann würden sie natür­lich stets dem Inter­esse eines Unter­neh­mens Vorrang geben gegen­über dem Inter­esse der Mensch­heit am Erhalt eines Natur­erbes. „Molche schaffen keine Arbeits­plätze“, schrieb der Biele­felder Wolfgang Pollhans 2015 in einem Leser­brief, und sein Gesin­nungs­ge­nosse Jürgen Peters schrieb in einem anderen: „Biele­feld muss weiter mit der Indus­trie leben und nicht nur vom öffent­li­chen Dienst.“

Nun, ich selbst bin als Werbe­texter und Sachbuch­autor praktisch freier Unter­nehmer und muss mir täglich Sorgen machen, welchem Kunden ich wohl bald die nächste Rechnung schreiben kann, damit das Geld für Miete und Tee herein­kommt. Trotzdem habe ich mich für die Rettung des Stroth­bach­waldes in Biele­feld-Senne­stadt einge­setzt, der von einer Spedi­tion abgeholzt werden sollte, um einem Lkw-Parkplatz zu weichen. Mehrere meiner Freunde im Natur­schutz sind freibe­ruf­liche Biologen und halten sich mühsam mit Gutach­ter­auf­trägen über Wasser, die sie alle Nase lang neu an Land ziehen müssen. Da dürfte so mancher Mitar­beiter einer Spedi­tion finan­ziell deutlich sorgen­freier leben. Natür­lich ist es auch grober Unfug anzunehmen, dass Lehrer oder städti­sche Beamte keine Sorgen hätten, bloß weil sie nicht entlassen werden können. Als ob das die einzige Sorge wäre, die man bei der Arbeit haben kann. Zum großen Verdruss der zitierten Beton­köpfe sorgen sich Natur­schützer z. B. darum, dass unseren schönen Landschaften und die Arten­viel­falt unserer Tier- und Pflan­zen­welt erhalten bleiben. Wir tun das aus vielen Gründen – z. B. deshalb,

  • weil das Wandern in solcher Landschaft, das Beobachten seltener Tiere und Pflanzen vielen Menschen eine ganz beson­dere Lebens­freude verschafft.
  • Weil Landschaft, Specht­ge­klopfe und Fleder­maus­flug Teile unserer geliebten Heimat sind, ein Lkw-Parkplatz dagegen nicht.
  • Weil wir der Überzeu­gung sind, dass wir arbeiten, um zu leben, und nicht umgekehrt.
  • Weil wir wissen, dass 70 % der Arbeits­plätze Biele­felds nicht in der Indus­trie, sondern in der Dienst­leis­tung angesie­delt sind (wozu aller­dings auch die Logis­tik­branche zählt). Es gibt keinen Grund, Indus­trie­ar­beits­plätze für wichtiger zu halten als Dienst­leis­tungs­ar­beits­plätze.

Zu den Dienst­leis­tungen gehört auch der öffent­liche Dienst, z.B. das Bildungs­wesen. Ich erlaube mir zu wider­spre­chen, wenn die Herren Pollhans und Peters glauben machen wollen, Lehrer und andere Beamte genössen einen Wohlstand, den die Indus­trie erzeugt. Nein – Indus­trie, Dienst­leis­tung, Handel, Verwal­tung sind alle gleich­be­rech­tigt, sind auf gleicher Ebene mitein­ander vernetzt, keiner davon kann ohne den anderen arbeiten. Ohne gebil­dete Arbeits­kräfte und ohne ein geord­netes Gemein­wesen könnten deutsche Indus­trie­be­triebe keinerlei Wohlstand erzeugen. Und das bedeutet, dass Lehrer und städti­sche Beamte und Umwelt­schützer genau so viel zum Wohlstand beitragen wie Ingenieure, Maschi­nen­führer oder Lkw-Fahrer. Die Arroganz der Indus­trie-Anbeter steht auf tönernen Füßen.

Veröffentlicht von

Jens J. Korff

Historiker, Politologe, Texter, Rheinländer in Westfalen, Sänger, Radfahrer, Wanderer, Naturbursche, Baumfreund, Pazifist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.