Bei einer Anhörung im thüringischen Landtag zur Frage, ob der Landtag ein Verbot der Partei »AfD« beantragen soll, sprach der Komiker, Schauspieler und Schriftsteller Hape Kerkeling. Er begründete sein Eintreten für einen Verbotsantrag mit einem Hinweis auf seinen Großvater, der in der Nazizeit im KZ-Lager Buchenwald interniert war, und mit der Verharmlosung des Naziregimes durch Björn Höcke und andere Politikerinnen und ‑tiker der A‑Partei. Wer keine Verantwortung für die deutsche Geschichte übernehme, dürfe niemals politische Verantwortung für Deutschland übernehmen. Die Rede verbreitete sich in den sozialen Medien, zum Beispiel in Linkedin, und löste im grünen und linksliberalen Spektrum eine Spontankampagne dafür aus, Kerkeling als Bundespräsidenten zu nominieren. Mich erreichte die Rede über einen Beitrag einer Texterkollegin. Ich kommentierte sie skeptisch:
Ich hab‘s mir komplett angehört und bedacht, aber Kerkeling hat mich nicht überzeugt. Weil ich es für falsch halte, Nationalkonservative und Faschisten des 21. Jahrhunderts über Vergleiche mit dem Naziregime und zentral über ihren Umgang mit der Nazivergangenheit zu bekämpfen. Dieser Weg scheitert seit über zehn Jahren, und es ist an der Zeit, dass wir das Scheitern zur Kenntnis nehmen. Er scheitert wahrscheinlich aus zwei Gründen:
- Weil Vergleiche mit dem Naziregime unglaubwürdig sind, denn sie stimmen nie.
- Und weil der Umgang mit der Nazivergangenheit hochgradig ritualisiert ist.
Wenn wir es nicht schaffen, die Politik dieser Leute auf der Basis heutiger Probleme, heutiger Menschenrechte, heutiger Interessen zu bekämpfen, ohne eine 90 Jahre alte Vergangenheit heraufzubeschwören; wenn wir es nicht schaffen den Leuten klar zu machen, dass diese Politik heute, in der heutigen Welt verheerend wirkt (zum Beispiel beim Klima, zum Beispiel bei den Menschenrechten), dann verlieren wir wahrscheinlich den Kampf gegen diese Partei.
Meine Kollegin antwortete:
Ich halte es für superwichtig zu betonen, was vor knapp hundert Jahren geschah. Weil es zum Teil 1:1 wieder so angegangen wird, inkl. gleicher Begrifflichkeiten. Es ist nicht gut, davor die Augen zu verschließen. Außerdem ist es wichtig, die Wege zu kennen und aufzuzeigen, die nötig sind, um unsere Demokratie nachhaltig zu gefährden. Sie werden benutzt werden, wenn wir nicht aufpassen. So schwierig ist das nicht.
Als VVN-Mitglied tue ich das seit über 40 Jahren. Ich werde auch weiterhin beobachten, was heutige Faschisten zur Nazizeit sagen und werde das kritisieren. Aber ich halte es für falsch, diesen Ansatz in den Mittelpunkt der Kampagne gegen die A‑Partei zu stellen, wie Kerkeling das tut. Diese Strategie ist gescheitert; Kerkeling reitet ein totes Pferd. Das hat mit einem inneren Widerspruch der Nazivergleiche zu tun, der sie im konservativen Umfeld der A‑Partei unglaubwürdig und unwirksam macht: Einerseits stellen Antifaschisten die Naziverbrechen als historisch einmalig und unvergleichbar dar. Andererseits vergleichen sie die Politik heutiger Nationalkonservativer mit dem Naziregime.
Wenn Kerkeling sagt, er wolle die A‑Partei verbieten, um einen drohenden neuen Faschismus zu stoppen, dann ist das nicht plausibel. Denn er verlangt einen massiven Eingriff in die demokratischen Rechte einer Partei und ihrer Wähler, begründet ihn aber nicht mit Fakten, sondern mit einer persönlichen Furcht, mit einer Prognose: Es könnte ein Faschismus entstehen. Können wir den Indikativ eines Parteiverbots mit dem Konjunktiv einer Prognose begründen?
Dazu kommt der nächste Widerspruch: Die Antifaschisten werfen der A‑Partei vor, Fakten zu leugnen. Sie selbst leugnen aber ebenfalls Fakten, zum Beispiel das Faktum, dass die A‑Partei, anders als damals die Nazipartei, keine bewaffnete Truppe hat, die ihre politischen Gegner systematisch verprügelt und gelegentlich tötet. Die Vergleiche mit der Vorgeschichte des Naziregimes setzen sich über diesen faktischen Unterschied hinweg.
Der dritte Widerspruch: Einerseits soll die A‑Partei so schlimm sein, weil sie die Gesellschaft spaltet. Andrerseits wäre ein Verbot der Partei der massivste Spaltungsschritt, den ich mir zurzeit realistisch vorstellen kann. Er würde Deutschland, so fürchte ich, an den Rand eines Bürgerkrieges führen.
