Die Welt ist voller Morden? Nein, die Welt ist voller Küsse.

Massenküssen in Zürich (Youtube-Video)

Thomas Hobbes postulierte im 17. Jahrhundert den Krieg aller gegen alle, der nur von einem absoluten Herrscher unterbunden werden könne. In anderen Gestalten tauchte das gleiche Dogma seitdem immer wieder auf. Etwa in der Form: „Wo man hinschaut: Die Welt brennt an allen Ecken und Enden.“ So geisterte es 2014, hundert Jahre nach Beginn des I. Weltkriegs, durch Kommentare, Moderationen und Facebook-Beiträge.[1] Ich bin fast geneigt, es in dieser Form für einen Irrtum zu halten, den man buchstäblich widerlegen kann. Denn jeden, der mich jetzt ungläubig und kopfschüttelnd anstarrt, bitte ich, das Buch für drei Minuten zuzuklappen und in dieser Zeit alle Länder aufzuzählen, in denen jetzt, also am heutigen Tage, Häuser brennen, weil sie von Soldaten, Milizionären oder Terroristen angezündet wurden.

Ja, meine Liebe, mein Lieber – welche Länder sind das?

(Nein, noch nicht weiterlesen! Erst die Länder aufschreiben!)

Aber das weiß doch jeder (Stand Herbst 2014): Das sind Syrien, der Irak, die Ukraine, Palästina… ja, und Syrien, der Irak, die Ukraine, Palästina… Außerdem Syrien, der Irak, die Ukraine und Palästina! Wobei in Palästina in Wirklichkeit schon seit September 2014 Waffenstillstand herrscht, also heute keine Häuser brennen. Dafür fällt mir jetzt noch ein anderes Land ein: Nigeria! Boko Haram, genau, so hießen die dortigen Brandstifter. Auch von Libyen war neulich die Rede. Und im Kongo ist doch eigentlich immer Krieg, oder? Ach ja, der Südsudan war da noch. Und Mexico, der endlose Krieg der Drogenkartelle. Mali? Nein, das war 2013.

Gut, die drei Minuten sind um. Ich kam bei diesem Test, großzügig gerechnet, auf neun Länder. Und Sie? Hatten Sie mehr?

Ich bezweifle es. In neun, zehn oder elf der 195 Länder der Erde herrscht also derzeit Krieg. Das bedeutet: In über 180 Ländern der Erde herrscht derzeit kein Krieg, brennen keine Häuser. Darunter sind alle 16 Länder, die ich jemals besucht habe. Da die Medien uns nichts lieber zeigen als brennende Häuser und, außer Aktien- und Eurokursen, keine Zahlen lieber nennen als die Opferzahlen von Bombenanschlägen oder ‑angriffen, ist es unwahrscheinlich, dass uns als wachen und weltoffenen Zeitzeugen ein größerer Krieg entgangen ist.

Der 28jährige deutsche Soldat Walter Flex dichtete im Frühjahr 1915 in einem Schützengraben in Frankreich die Zeilen: Wildgänse rauschen durch die Nacht / mit schrillem Schrei nach Norden. / Unstete Fahrt, habt Acht, habt Acht! / Die Welt ist voller Morden.

Das Lied erschien 1917 am Anfang von Walter Flex’ Kriegserzählung »Der Wanderer zwischen beiden Welten«.

Flex’ Behauptung wird bis heute immer wieder völlig selbstverständlich und ungeprüft wiederholt; oft sogar von Gesellschaftskritikern in angeblich kritischer Absicht. Zum Beispiel schrieb die Deutsche Presse-Agentur dpa am 2. Mai 2009 in einer Meldung über den 70. Geburtstag der französischen Dramatikerin Ariane Mnouchkine: »Und weil unsere Welt voller Gewalt, Unehrlichkeit und Hoffnungs­losigkeit ist, schlägt die französische Regisseurin … regelmäßig und unüberhörbar Alarm.«[2] Haben sie Recht, die Alarmisten mit ihren schwarzen Brillen?

Da, wo der Dichter Walter Flex sich befand – an einer Front des I. Weltkriegs, dazu in »Feindesland« – hatte er Recht: Dort war damals die Welt voller Morden. Womit Walter Flex nebenbei Kurt Tucholskys später so scharf bekämpfte Einschätzung bestätigte, dass Soldaten Mörder seien.

Die Frage ist aber: Ist jener Schützengraben repräsentativ für die Welt als Ganzes? Ist jener Kriegsmonat in Frankreich repräsentativ für die ganze Geschichte der Menschheit?

Wenn wir zum Beispiel die 200 Jahre deutscher Geschichte von 1800 bis 2000 betrachten, dann stoßen wir auf etwa 160 Friedensjahre und – großzügig gezählt – 40 Kriegs­jahre. Dabei habe ich auch Jahre mit Bürgerkriegen (1919-1923) und Jahre, in denen nur wenige Wochen lang Krieg war (zum Beispiel 1864 und 1871) als Kriegsjahre gezählt. Dennoch überwiegen die Friedensjahre bei weitem. Und das in einem Land der Welt, in dem überdurchschnittlich oft Krieg war.

Es gibt das Sprichwort, dass die Jahre, über die nichts in den Geschichtsbüchern steht, die glücklichen Jahre eines Volkes sind. Man sieht daran, wie sehr Historiker und Journalisten dazu neigen, die historische Realität zu verzerren. Sie übertreiben die Bedeutung der Kriegszeiten maßlos. Sie verschweigen, dass die weitaus meisten Menschen in der Regel im Frieden leben. Der Frieden ist also kein utopisches Ziel, das wir niemals erreichen werden, sondern schon längst Realität. Wir müssen ihn nur wahrnehmen und in seiner Bedeutung würdigen. Wahrnehmen und würdigen, dass 180 Friedensländer 18 Mal schwerer wiegen als 10 Kriegsländer.

Das gilt in gleicher Weise für die Abwesenheit ziviler Morde. Kennen Sie jemanden persönlich, der einmal in einen Mordfall verwickelt war? Oder kennen Sie auch nur jemanden persönlich, der jemanden kennt, der einmal in einen Mordfall verwickelt war? Die wenigsten können eine dieser Fragen bejahen. Das zeigt, wie selten Morde in Wirklichkeit sind. Die Welt ist vielleicht voller gespielter Morde, voller Bilder von Morden, aber bestimmt nicht voller Morde.

Wie kommt diese Verzerrung zustande? Liegt das wirklich daran, dass »die Leute« sich mehr für Kriege und Morde interessieren als für Küsse, Fußball oder Schuhe?

Das ist sicher nicht so. Aktuell interessiert der Kuss, den man kriegen könnte, oder der Kuss auf Nachbars Balkon viel mehr als ein Krieg im Sudan. Die groteske Vergrößerung des Mordens entsteht erst dann, wenn Journalisten, Philosophen und andere Weltenrichter zwischen das Leben und seine Betrachter treten: Dann geht’s auf einmal nur noch um Mord und Totschlag, Erdbeben und Bürgerkrieg, so selten diese Ereignisse auch sein mögen. In der deutschen Geistesgeschichte wurden solche Wertungen gerne damit begründet, dass die Betrachtung von Morden »tief«, »existenziell«, »männlich« und »deutsch« sei, die Betrachtung von Küssen dagegen »flach«, »weibisch« und »amerikanisch«.[3] Die Krimi-Autorin Sibylle Berg wusch 2014 bei einem Interview ihre Hände in Unschuld, als der Interviewer sie auf die hohe Konzentration von Bosheit in ihren Werken ansprach: „So böse wie die Welt kann ich gar nicht sein.“[4] Oh doch, Madame, Sie können es; Sie können als Einzelperson viel böser als die Welt sein, da Bosheiten in der Welt als Ganzes nur in starker Verdünnung auftreten. Der Denkfehler in diesem Satz liegt darin, dass die Autorin sämtliche Bosheiten, die sechs Milliarden Menschen in, sagen wir, zehn Jahren begangen haben, mit der Menge der Bosheiten vergleicht, die sich ein einzelner Mensch in einem halben Jahr ausdenken kann.

Wenn alte Menschen über vergangene Erleb­nisse sprechen, geht es sehr oft um Kriegserlebnisse – und viel seltener um Küsse. Das liegt wohl daran, dass Morde und Kriegserlebnisse Ausnahmen sind, unnormal, selten. Deshalb erscheinen sie uns besonders erzählenswert. Paradoxerweise ist also auch der Umstand, dass so häufig über Morde gesprochen wird, ein Indiz dafür, wie geringfügig ihre Rolle in Wirklichkeit ist – und für Diana Distels

Gegenthese:
Die Welt ist voller Küsse.


[1] Drei Beispiele: »Die Zeit« begann am 2.9.2014 eine Serie mit dem Titel »Von Kriegen umzingelt«. Im Auftaktartikel behauptet Bernd Ulrich: »Die Welt ist verrückt… Ukraine, Gaza, Syrien, Irak – die Vielzahl der Krisen bringt den Westen ins Wanken«. – Bundespräsident Joachim Gauck behauptete im September 2014 in einem Interview: »An der Peripherie unseres Friedens und unseres Wohlstands sind wir umgeben von manchen sehr bedrohlichen Szenarien.« Neue Westfälische 19.9.2014 – Can Merey, Michael Donhauser: Guter Tag für die Kinder der Welt (Neue Westfälische 11.10.2014). Der Bericht beginnt mit dem Satz: »Während überall auf der Welt Kriege wüten, erhält ein 17-jähriges Mädchen aus Pakistan den Friedensnobelpreis.«

[2] Neue Westfälische 3.3.2009

[3] Vgl. etwa Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra (1883), Die Reden Zarathustras: Vom Krieg und Kriegsvolke. Ich zitiere: Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt. – Ebenda, Vierter und letzter Teil, Vom höheren Menschen. Ich zitiere: Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der Pöbel-Mischmasch: das will nun Herr werden alles Menschen-Schicksals – O Ekel! Ekel! Ekel! / Das frägt und frägt und wird nicht müde: »Wie erhält sich der Mensch, am besten, am längsten, am angenehmsten?« –Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen (1918), Vorrede. Ich zitiere: Und wieviel von seinem [des 19. Jahrhunderts] brutalen und redlichen Pessimismus, von seinem besonderen strengen, maskulinen und „bedürfnislosen“ Ethos waltet noch in Bismarcks „Realpolitik“ und Anti-Ideologie!

[4] WDR 3 Radio, Mosaik, 19.10.2014

Originalbeitrag aus dem Buch, S. 51-54. Dort ohne die Persona Diana Distel.

Flattr this!

Veröffentlicht von

jejko

Historiker, Politologe, Texter, Rheinländer in Westfalen, Sänger, Radfahrer, Wanderer, Naturbursche, Baumfreund, Pazifist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.