Haben die Linken versagt? Steht eine Revolution vor der Tür, und wir haben’s nicht gemerkt?

Nils Markwardt fragte im August 2016 im »Freitag«: »Wo bleibt der Stolz? Wenn die Linken die „kleinen Leute“ noch errei­chen wollen, müssen sie ihre Sprache ändern« (Nr. 32, 11.8.2016). Unter Berufung auf Didier Eribons Buch »Rückkehr nach Reims« und Daniele Gigliolis Buch »Die Opfer­falle« führt er aus, dass Rechts­po­pu­listen und Faschisten (Donald Trump, Front National, AfD) den Linken vor allem in der klassi­schen Arbei­ter­klasse, bei den Indus­trie­ar­bei­tern, den Rang ablaufen, weil sie ihnen positive Identi­fi­ka­ti­ons­an­ge­bote machen, das „völki­sche Phantasma“, und dabei an ein tradi­tio­nelles Klassen­be­wusst­sein anknüpfen, das die Linken längst aufge­geben haben. Aller­dings sehe ich die poten­ziell revolu­tio­näre Klasse woanders als Markwardt und Eribon.

Linke, so Markwardt, reden nicht mehr gern von Arbei­tern oder Prole­ta­riern, sondern sie reden von „Gering­verdienern“ und „sozial Schwa­chen“, degra­dieren diese Menschen also zu Opfern und Hilfs­bedürftigen – wobei sie, wie ich ergänzen darf, die Realität missachten, dass viele Industrie­arbeiter, z. B. in der Autoin­dus­trie, in Wirklich­keit überdurch­schnitt­lich viel verdienen (im Vergleich der abhängig und prekär Beschäf­tigten), also sozial privi­le­giert sind. Arbei­ter­aris­to­kratie nannte man das einst. Eribon weist darauf hin, dass Rassismus, Frauen­feind­lich­keit und Homophobie im kommu­nistisch geprägten Arbei­ter­mi­lieu von Reims, aus dem er stammt, schon in den 1970er Jahren weit verbreitet waren und vom Klassen­gegensatz ledig­lich in den Hinter­grund gedrängt wurden. Der FN kann dort also an eine solide ideolo­gi­sche Grund­lage anknüpfen.

Eribon ist sich aufgrund persön­li­cher Erfah­rungen sicher, „dass man die Zustim­mung zum Front National zumin­dest teilweise als eine Art politi­sche Notwehr der unteren Schichten inter­pre­tieren muss. Sie versuchten, ihre kollek­tive Idenität zu vertei­digen, oder jeden­falls eine Würde, die seit je mit Füßen getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor reprä­sen­tiert und vertei­digt hatten.“ – Mein Einwand bezieht sich darauf, dass Indus­trie­ar­beiter nicht wirklich die unteren Schichten der Gesell­schaft sind, sondern eher eine privi­le­gierte Schicht, um die jahr­zehntelang sogar ein fast religiöser Kult getrieben wurde. Spiegelt sich in dem ursprüng­lich sozia­lis­ti­schen, jetzt faschis­ti­schen Reflex, die Reihen fest zu schließen gegen alles Anders­ar­tige, nicht eher die Angst um den Verlust der Privi­le­gien und des Status wider, dieje­nigen zu sein, die „das Gold zu Tage schaffen“ und angeb­lich allen gesell­schaft­li­chen Wohlstand erzeugen?

Diese Angst ist berech­tigt, denn der Status der Indus­trie­ar­beiter hat sich in der Dienstleistungs­gesellschaft überlebt und steht auf tönernen Füßen. Es sind längst andere, von denen Wohl und Wehe unserer Gesell­schaft maßgeb­lich abhängen: Erzie­he­rinnen, Hausmeister, Lehre­rinnen, Köche, Kellne­rinnen, Berater, Verkäu­fe­rinnen, Assis­tenten, Grafi­ke­rinnen, Texter, Program­mie­re­rinnen, Beleuchter, Schauspiele­rinnen, Tanzlehrer, Psycho­lo­ginnen, Fenster­putzer, Ärztinnen, Kranken­pfleger, Sozial­ar­bei­te­rinnen, Sachbe­ar­beiter, Alten­pfle­ge­rinnen, Archi­tekten, Busfah­re­rinnen, Paket­boten, Reise­lei­te­rinnen, Journa­listen… Wenn Stahl­ar­beiter streiken, ändert sich am Alltags­leben der Bevöl­ke­rung nichts. Wenn Erzie­he­rinnen streiken, ändert sich plötz­lich sehr viel. Richtet sich die Notwehr des Industrie­arbeitermilieus nicht eher gegen den gewal­tigen Komplex der Dienst­leisterinnen und Dienst­leister, der sie mehr und mehr verdrängt? Ist es nicht genau dieses Ressen­ti­ment, das Trump, Le Pen und Petri mit ihrer ekelhaften Hetze gegen alles Soziale und Intel­lek­tu­elle bedienen?

Das zeigt aber doch, wo die Riesen­lücke, wo das weite Feld liegt, das wir Linken endlich beackern müssen. Es ist unsere histo­ri­sche Mission, endlich uns selbst eine selbst­be­wusste Stimme zu geben. Denn wir sind ja fast alle selber Dienst­leister. Wir brauchen also nicht länger die Revolu­tion stell­ver­tre­tend für andere zu organi­sieren! Wir können sie für uns selbst organi­sieren. Welch ein Zugewinn an Stolz (oder, wie die Plurale* zungen­bre­che­risch zu sagen pflegt: Authen­ti­zi­ti­zi­ti­zität)! Statt die von Giglioli zurecht beklagten sedie­renden Opfer- und Betreu­ungs­dis­kurse zu führen, dürfen wir unsere berühmte Kreati­vität in die Waagschale werfen, um uns Dienst­leis­tern an plastisch-drasti­schen Beispielen klar zu machen, wie unent­behr­lich wir sind:

Alle Glotzen bleiben leer, /​ wenn du sagt: Ich mag nicht mehr.

Alle Chefs drehn nur am Rad, /​ wenn dein Ohr ’nen Stöpsel hat.

Alle Kinder bleiben dumm, /​ wenn du dich drehst im Bett herum.

Alle Alten sind bald kalt, /​ wenn Pflegerin die Türe knallt.

Alle Seiten bleiben weiß, /​ wenn du fragst: Was soll der Scheiß?

Alle Pläne klemmen fest, /​ wenn du die Akte liegen lässt.

 Das alleine macht noch keine Revolu­tion, sondern zielt eher in Richtung Streik für bessere Löhne, Gehälter, Honorare – ein Streik-Komplex, der dringend nötig wäre. Wo sind die Linken, die dafür arbeiten? Doch Streiks im Preka­riat und Dienst­leis­ter­mi­lieu haben sofort eine revolu­tio­näre Kompo­nente, weil sie sich direkt auf das Alltags­leben der Bevöl­ke­rung auswirken (man stelle sich einen wirkungs­vollen Streik der Fernseh­sender vor), und weil wir Dienst­leister in zahllosen Fortbil­dungen und meist notge­drungen gelernt haben, wie man selbst­ständig arbeitet, eigene Netzwerke knüpft, komplexe Abläufe organi­siert, mit aller Welt kommu­ni­ziert und Unter­nehmen führt. Wir Dienst­leister könnten den ganzen Laden tatsäch­lich übernehmen und dabei das bescheuert antiquierte Konkur­renz­prinzip der Kapita­listen, das uns die Arbeit stets vergällt hat, endlich auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Denn wir wissen, wie man effektiv koope­riert und wie effizient und nachhaltig die Koope­ra­tion vernünf­tiger, empathi­scher, gemein­nützig denkender Akteure sein kann. Vielleicht galt Bertolt Brechts Resolu­tion der Kommu­narden noch nie so sehr wie heute:

Ohne euch reicht’s für uns schon!

Nachtrag vom August 2016

Veröffentlicht von

Jens J. Korff

Historiker, Politologe, Texter, Rheinländer in Westfalen, Sänger, Radfahrer, Wanderer, Naturbursche, Baumfreund, Pazifist

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