Die Seuche als historisches Ereignis (Stand 1. Juli 2020)

Von Jens Jürgen Korff
Der Streit mit Leuten, die einen „Corona-Fake“ sehen, auch der Streit um die Einschätzung der Opferzahlen, drängt mich dazu, als Historiker eine Einschätzung der strittigen Fragen vorzunehmen. Dabei geht es nach Lage der Dinge zunächst um die historische Entwicklung der Seuche und der Gegenmaßnahmen, vor allem des großen Lockdown im März 2020. Als historisches Ereignis hat die Seuche zusammen mit der Kontaktsperre natürlich auch längerfristige Folgen, die Historiker analysieren müssen – aber dazu ist es zu früh.

Mit Seuche meine ich hier die CoVID-19-Pandemie. Dass ich sie eine Seuche nenne, ist bereits eine Stellungnahme. Damit ordne ich sie in eine Reihe früherer historischer Ereignisse ein wie die Pest-Epidemie um 1350, die Cholera-Epidemien des 19. Jahrhunderts oder die Spanische Grippe von 1918/19. Die Seuche hat weltweit bislang vielen Millionen Menschen schreckliche Qualen bereitet und Hunderttausenden von ihnen das Leben gekostet. Wer angesichts dieser Lage von einem „Corona-Fake“ faselt, für den ist wohl die gesungene Sottise der Wise Guys gedacht: „Liebelein, ich glaub‘, du hast den Schuss nicht gehört / den Schuss nicht gehört / den Schuss nicht gehört! / Liebelein, ich glaub‘, du bist ein hoffnungsloser Fall. / Liebelein, ich glaub‘, du hast’n Knall!“

Die Corona-Seuche brach bekanntlich Dezember 2019 in der chinesischen Millionenstadt Wuhan aus. Sie fiel den Ärzten in Wuhan als neues Ereignis auf, weil der Ablauf der Erkrankung anders war als bei Influenza-Erkrankungen üblich und auch etwas anders als bei der SARS-Epidemie 2002. Am 7. Januar 2020 konnten chinesische Virologen ein neues Coronavirus, später offiziell SARS-CoV-2 genannt, als Verursacher der Seuche vorstellen. Noch im Februar 2020 wurde die Seuche vom zuständigen Robert-Koch-Institut in Deutschland nicht über-, sondern unterschätzt. Sie galt als innerchinesische Angelegenheit, die Experten rechneten damals nicht damit, dass sie sich schnell und massiv in Europa ausdehnen würde. Wie man später wusste, verbreitete sie sich damals bereits rasant in der Lombardei und sprang nach Ischgl in Tirol und nach Gangelt bei Heinsberg über. Dieser historische Ablauf widerlegt die Behauptung sog. Corona-Kritiker, am Anfang der Pandemie habe eine Panikmache gestanden. Das Gegenteil war der Fall.

Die „März-Panik“

Allerdings lässt dieser Ablauf auch die folgende „März-Panik“ verständlich werden. Die italienischen wie die deutschen Virologen und Gesundheitspolitiker wurden von dem explosionsartigen Ausbruch in der Lombardei überrascht, mussten ihre Haltung zur Seuche innerhalb weniger Tage revidieren und auf Alarmstufe Rot umschalten. Dabei schütteten sie zum Teil das Kind mit dem Bade aus, und die Medien taten das, was sie bei Dramen immer immer tun: Sie dramatisierten und emotionalisierten. Es rächte sich, dass die Europäer die chinesischen, südkoreanischen und vietnamesischen Erfahrungen in ihrer rassistischen Verblendung weitgehend ignoriert hatten. Das von den Regierungen vieler Länder, darunter Deutschlands, angeordnete Seuchenregime (Kontaktsperren, der sog. Lockdown, das Herunterfahren von Mobilität und öffentlichem Leben, später die Maskenpflicht) wurde mit der Gefahr begründet, dass explosionsartige Ausbrüche wie in der Lombardei die Kapazitäten des Gesundheits­wesens überlasten könnten. In Italien und Spanien, auch in New York war das regional und zeitweise tatsächlich der Fall, in Deutschland allerdings nicht: Hier blieb die Zahl der Erkrankten stets deutlich unterhalb der Kapazitätsgrenze, die die Krankenhäuser durch Notstandsmaßnahmen kurzfristig ausgedehnt hatten. In der Folge entstand im Mai in Deutschland, als der Lockdown bereits wieder gelockert wurde, organisiert über ein neu auftretendes Internet-Medium namens Telegram, eine große Szene von „Corona-Kritikern“, die den Lockdown insgesamt als drastisch übertrieben kritisierten.

Ein Kind der März-Panik war auch jenes interne Strategiepapier aus dem Bundesinnenministerium, das Kritiker im April 2020 veröffentlichten. Die darin dokumentierte Tagung einiger hoher Beamter mit Vertretern von Unternehmerverbänden scheint Belege für die These zu liefern, dass Panik bewusst geschürt wurde. In Wirklichkeit dokumentiert es eine Fehleinschätzung der Lage, die offenbar damals in herrschenden Kreisen kursierte. Weit verbreitet war im März und April die Befürchtung, dass die Seuche in einer zweiten und schlimmeren Welle zurückkehren könnte. Dafür sprach unter anderem der Ablauf der Spanischen Grippe 1918/19.  Die auf der Tagung entwickelten Szenarien waren von dem Motiv getrieben, eine zweite Welle unter allen Umständen zu verhindern, weil die Unter­nehmer­vertreter für einen solchen Fall katastrophale wirtschaftliche Folgen voraussagten. In typischer Herrenarroganz gingen die Strategen davon aus, dass das „dumme Volk“ von sich aus nicht in der Lage sei, sich vernünftig und vorsichtig genug zu verhalten, um eine zweite Welle zu verhindern. Deshalb überlegten sie, mit welchen Mitteln sie genug Angst erzeugen könnten, um die erforderliche Kontaktsperre lange genug aufrecht zu erhalten. Dass dafür die Bilder aus Norditalien voll und ganz ausgereicht hatten, zusammen mit den frisch entstandenen sozialen Normen des Abstandsgebots, des Händewaschens usw. und einer gewissen Lust an sozialer Kontrolle, merkten die Herren kurze Zeit später und konnten deshalb auf weitere Horroreinlagen verzichten.

Wenn es brennt, muss man löschen

Ob der Lockdown nötig war, um die Seuche einzudämmen, oder ob er mehr Schaden angerichtet als Werte gerettet hat – diese Frage wird man wohl niemals klären können, weil der alternative Verlauf der Geschichte unbekannt ist und weil man Arbeitslosigkeit nicht gegen Menschenleben aufrechnen kann. Die Diskussion darüber ist auch deshalb weitgehend nutzlos, weil Kontaktsperren usw. nicht nur in einem oder zwei, sondern in Dutzenden von Staaten verhängt wurden. Es waren Notstands­maßnahmen zur Bewältigung einer globalen Naturkatastrophe. Wenn es brennt, haben wir wenig Alternativen zum Versuch, das Feuer zu löschen. Anders als beim Ausbruch von Kriegen gab es in fast keinem der betroffenen Länder Kräfte, die wesentlich andere Wege einschlagen wollten. Diese Alternativ­losigkeit hat nichts mit einer übermächtigen Manipulationsmacht zu tun, wie antisemitische Verschwörungs­mythiker glauben machen wollen. Sondern sie ist darin begründet, dass die Menschheit über die Jahrhunderte hinweg gelernt hat, mit Seuchen umzugehen. Die Lockdowns bewegten sich innerhalb des Musters, das die Menschen bei Seuchenausbrüchen seit Jahrhunderten anwenden. Auch bei den Pestausbrüchen des späten Mittelalters oder bei der großen Cholera um 1830 wurden die betroffenen Städte isoliert, der Reiseverkehr, die Märkte und alle Feierlichkeiten wurden eingestellt, damit auch große Teile der Wirtschaft. Dass die Regierungen in einer Alarmlage genau diese Maßnahmen ergriffen haben, war naheliegend. Dieses Verhalten ist Ergebnis einer scharfen kulturellen Selektion: Gesellschaften, die sich so verhalten haben, haben mit größerer Wahrscheinlichkeit frühere Seuchen überlebt als solche, die sich anders verhalten haben. Weil wir alle von Menschen abstammen, die sich bei früheren Seuchen richtig verhalten und überlebt haben, kennen und akzeptieren wir solche Maßnahmen, auch wenn jeder einzelne sie zum ersten Mal im Leben miterlebt.

Mach mir den Mainstream

Die Klage über „gleichgeschaltete“ „Mainstream“-Medien, die angeblich jede Kritik am Seuchen­regime der Regierungen und ihren Begründungen ignorieren, verleumden oder delegitimieren, geht an den Realitäten vorbei, wenn man historische Vergleiche heranzieht. Zunächst fällt auf, dass die Kritik vor allem von Szenen geäußert wird, die diese Leier schon seit Jahrzehnten spielen, und zwar stets im Zusammenhang mit ihren jeweiligen Verschwörungsmythen: sei es der Tod Barschels, der 11. September 2001 oder die Mondlandung. Wer sich auf die Straße stellt und die Evolution der Arten, die Erderwärmung oder den Holocaust bestreitet, muss sich nicht wundern, dass er 90 Prozent der Beobachter gegen sich hat. Intellektuelle Geisterfahrer erzeugen den „Mainstream“ selbst, gegen den sie dann wettern können. Davon abgesehen fällt mir auf, dass die Debatte in den Medien über Corona und Lockdown-Maßnahmen erheblich vielfältiger ist als es zum Beispiel in den 1970er Jahren die Debatte um den Vietnamkrieg oder über linksradikale Terroristen, in den 1980er Jahren die Debatte über NATO-Raketen oder über den Falkland-Krieg, in den 1990er Jahren die Debatten über die Kriege in Jugoslawien oder 2003 die Debatten über den Krieg gegen den Irak gewesen sind. Dabei ging es jeweils um Kriege, also um willkürliche Regierungsentscheidungen, die von Anfang an kontrovers waren. Dennoch waren die Kommentatoren in den Massenmedien damals weitgehend linientreu und fügten sich den Befehlen der Generäle. Diesmal geht es um eine Naturkatastrophe und die Frage, wie man ihr begegnet. Obwohl die Sache also, wie oben gezeigt, nicht der Willkür von Entscheidern unterliegt und kaum kontrovers sein kann, werden viele Kontroversen offen in den Medien und auch zwischen Politikern ausgetragen. Der Unterschied in diesem Vergleich ist auch daran festzumachen, dass es bei allen Kriegen und Rüstungsprojekten eindeutige Nutznießer gab und eindeutige Geschädigte, also klare Interessen­widersprüche in der Gesellschaft. Bei der Seuche dagegen gibt es genauso wenig wie bei einer Überschwemmung oder einem Orkan irgendwelche Nutznießer; es gibt nur Geschädigte. Daher ist eher die Vielfalt in den Medien als die Einheitlichkeit der Stellungnahmen verwunderlich.

Diese Vielfalt brach allerdings erst dann deutlich aus, als sich Ende Mai 2020 zeigte, dass die Seuche in Deutschland und anderen Ländern zurückging und erste Lockerungen der harten Lockdown-Maßnahmen anstanden. Dabei gab es dann doch plötzlich Interessenwidersprüche, nämlich jeweils die Frage, wo zuerst gelockert werden sollte. Dazu unterschiedliche Einschätzungen der Gefahr einer zweiten Welle. Zugleich brachten diese Lockerungen das Seuchenregime insgesamt ins Wanken. Es ist eine alte Erfahrung aus vielen Revolutionen, dass Aufstände genau dann entstehen, wenn ein Regime ohnehin schon wankt. Erst das Wanken und die damit verbundenen Widersprüche delegitimieren die herrschende Gewalt und lassen Raum für widerständigen Mut. So ist die Welle der Proteste Anfang Juni 2020 zu erklären.

Das Bolsonaro-Kalkül

Wenn wir den brasilianischen Gangsterboss Bolsonaro ins Auge fassen, wird allerdings doch ein Interessenwiderspruch sichtbar, den das Seuchenregime von Anfang an enthielt: nämlich die Frage, ob man den plötzlichen Tod vieler alter Menschen hätte in Kauf nehmen können und sollen, um die Wirtschaftstätigkeit der Unternehmen unter allen Umständen aufrecht zu erhalten. In den weitaus meisten Ländern war das keine Option, die ernsthaft erwogen wurde. Linkssozialistische Stamokap[1]-Kritiker lernen gerade mit Staunen, dass kapitalistische Länder in der Lage sind, das Monopolkapital in die Kurzarbeit zu schicken, um Menschenleben von Greisen zu retten, die aus Sicht von Kapitalisten gar keinen verwertbaren Wert mehr haben. (Stimmt nicht ganz, denn als Konsumenten von Arzneimitteln sind Greise eine hoch interessante Zielgruppe.)

Doch in der späteren Kritik des Seuchenregimes tauchten Argumente aus diesem Gedankengebäude wieder auf. Manche bestritten die Dramatik der Opferzahlen mit dem Hinweis, die Todesopfer in Deutschland seien im Schnitt 82 Jahre alt gewesen und hätten zahlreiche Vorerkrankungen gehabt. Es handle sich also um Leute, die ohnehin bald gestorben wären. Wenn man nicht angefangen hätte, solche Leute zu testen, hieß es, dann hätte man sie für gewöhnliche Todesfälle unter gebrechlichen Menschen gehalten. Dieses Argument, das auch moralisch fragwürdig ist, missachtet die Rolle der Seuche als historisches Ereignis. Als solches ist sie singulär und von anderen Ereignissen und Abläufen isoliert, auch wenn wir als Betrachter es sind, die die Isolierung vornehmen. Wenn beim Waldbrand ein Evakuierungbus mit alten Leuten verunglückt und dabei 20 gebrechliche Menschen mit Vorerkrankungen im Rauch ersticken, kommt niemand auf die Idee, die Zahl der Todesopfer anzuzweifeln oder zu relativieren. Sie werden natürlich als Todesopfer des Waldbrands gezählt, auch dann, wenn junge und gesunde Leute sich aus dem verunglückten Bus wahrscheinlich hätten retten können, das Alter der Todesopfer also im Ablauf der Tragödie eine Rolle spielte.

Es gibt auch ein Argument, das den Ablauf umdreht: Viele Todesopfer der Seuche seien möglicherweise nur deshalb noch am Leben gewesen, weil die Grippewelle des vorausgegangenen Winters milder verlaufen sei als gewöhnlich. Wäre die Grippe härter gewesen, wären die Leute, die im April an CoVID-19 starben, im März schon tot gewesen. Tja, hätte, hätte, Virenkette. Solche Spekulationen setzen sich darüber hinweg, dass die Seuche ein singuläres historisches Ereignis ist. Sie stehen auch medizinisch auf schwachen Füßen, denn Influenza-Erkrankungen und CoVID-19 verlaufen unterschiedlich, und es kommen unterschiedliche Schwächen der Betroffenen zum Tragen. Will sagen: An Influenza sterben andere als an CoVID-19. Für den historischen Ablauf und die mutmaßlichen Folgen der Coronakrise hat es keine Rolle gespielt, ob irgendwelche Opfer unter anderen Umständen schon vorher oder kurze Zeit nachher gestorben wären. Die Millionen von Menschen, die ihre Corona-Erkrankung unter Qualen, teilweise mit Ach und Krach überlebt haben, schütteln vermutlich ohnehin den Kopf über eine relativierende Scholastik, die offenbar alles versucht, um die Seuche tiefer zu hängen.

[1]     Staatsmonopolistischer Kapitalismus, eine marxistisch-leninistische Theorie der 1970er Jahre, nach der die Staatsführungen mit dem „Monopolkapital“, also den Großkonzernen, praktisch identisch sind

Demokratie in Zeiten der Seuche

Ein Standardvorwurf der Krisenkritiker geht dahin, dass die Kontaktsperren, Veranstaltungs- und Berufsverbote sowie die Maskenpflicht massive Eingriffe in Grundrechte seien, die seltsamerweise von einer Mehrheit der Bevölkerung und der Journalisten kritiklos hingenommen würden. Der Vorwurf ist einerseits deplatziert, weil es sich um vorübergehende Notstandsmaßnahmen handelt, und im Notstand, im Katastrophenfall werden fast immer Grundrechte eingeschränkt. Wenn der schon mehrfach herbeizitierte Wald brennt, werden Menschen auch gegen ihren Willen aus ihren gefährdeten Häusern evakuiert. Das verstößt massiv gegen mehrere Grundrechte – Freizügigkeit, Eigentums­garantie, Unverletzlichkeit der Wohnung –, aber alle diese Grundrechte tragen den Zusatz, dass der Staat aufgrund von Gesetzen in sie eingreifen darf, so lange er sie nicht „in ihrem Wesensgehalt antastet“. Das Seuchenregime greift in der Tat in etliche Grundrechte ein: freie Entfaltung der Persönlichkeit, Freizügigkeit, Versammlungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Eigentums­garantie (wenn man z. B. nicht zu seinem Ferienhaus fahren oder eine gebuchte Urlaubsreise nicht antreten darf), Berufsfreiheit, Schutz der Familie (wenn man z. B. Familienmitglieder nicht besuchen darf), Recht auf Bildung. Auch die Meinungsfreiheit und die Freiheit von Kunst und Wissenschaft waren einge­schränkt, weil große Teile des Kulturlebens sowie die Hochschulen stillgelegt waren. Gruppen konnten sich nicht mehr treffen, die ganze Zivilgesellschaft kam weitgehend zum Erliegen oder wurde ins Internet verbannt. Der Umfang der Grundrechtsverluste war tatsächlich unvergleichlich groß. Doch keines der betroffenen Grundrechte wurde, so weit bislang absehbar, in seinem Wesensgehalt angetastet, weil alle Einschränkungen auf den Zeitraum einer einzelnen Katastrophe begrenzt blieben und, sobald es die Seuchenlage zuließ, wieder aufgehoben wurden.

Kulturhistorisch und politologisch ist andererseits bemerkenswert, dass in der Bevölkerung im März und April 2020 die Bereitschaft weit verbreitet war, sich einer rigiden sozialen Kontrolle zu unterwerfen und diese Kontrolle zum Teil auch selbst auszuüben. Im Mai begann diese Unterwerfung allerdings nachzulassen. Es bleibt sozialpsycho­logisch zu untersuchen, wie dauerhaft diese Tendenz ist oder war und mit welchen anderen typischen Äußerungen aus der Krisenzeit sie zusammenhing; etwa mit der Zufriedenheit, dass man einmal miterleben durfte, wie die übliche Hektik, der übliche Lärm, das übliche Überangebot an allem, die übliche Informations­überflutung verschwanden. Das latente Unbehagen an der Vielfalt pluraler Gesellschaften, am ewig von Kondensstreifen zerteilten Himmel über Rhein, Elbe und Donau fand offenbar plötzlich einen Ausdruck und einen Ort in der Zeit.

Auffällig ist das enorme Ausmaß an Kreativität und speziell an praktischer Philosophie, das die Krise mobilisiert hat. Die Coronakrisenliteratur ist dabei, Regale und Webserver zu füllen. Das spricht gegen die Klage der Krisenkritiker über angebliche Zensur, die, wie bei solchen Klagen üblich, zwei Ebenen verwechselt: den Entscheidungsprozess von Redaktionen und Verlagen, die in der Coronakrise genau wie in jeder anderen Zeit streng ausgewählt haben, welche Texte sie veröffentlichen wollten und welche nicht; und den Eingriff staatlicher Stellen gegen Texte, die eine Redaktion oder ein Verlag oder ein Autor auf dem eigenen Medium veröffentlichen wollte. Nur das letztere wird vom Grundgesetz Zensur genannt. Sie fand, so weit ich informiert bin, nicht statt.

Die weiteren Aussichten

Der streifenfreie Maihimmel des Jahres 2020 stieg vielen Kommentatorinnen und -toren zu Kopfe, und sie äußerten die Hoffnung, dass sich nun alles, alles wenden möge. Ganz ahistorisch ist diese Hoffnung nicht: Die Pestkrise der Zeit um 1350 hat tatsächlich vieles gewendet und mitgeholfen, die damalige »Neuzeit« einzuläuten. Das hat der Kulturhistoriker Egon Friedell 1927 in seiner »Kultur­geschichte der Neuzeit« anschaulich (und sehr eigenwillig) dargestellt. Aber um welch furchtbaren Preis! Es mag ja buddhistisch korrekt sein, auch den schrecklichsten Albträumen positive Seiten abzugewinnen, aber in diesem Fall kommt es mir wie magisches Denken, Quacksalberei und das Lachen Bajazzos vor. Eine Seuche ist erstens Scheiße, zweitens Scheiße und drittens Scheiße. Wer will daraus Gold machen?

Welche maskierten Trends zeichnen sich heute hinterm Sicherheitsabstand ab? Wie dauerhaft die Schäden am globalen Wirtschaftssystem sein werden, kann man noch schwer abschätzen. Aber positiv zeichnet sich ab, dass alle gesehen haben: Das Gesundheitswesen – und damit ein zentrales Element des Dienstleistungs­sektors – ist wesentlich systemrelevanter als die Autoindustrie und irgendeine andere Industrie. Diese Erkenntnis ist bereits in die politische Entscheidung der Bundesregierung und des Bundestages eingeflossen, dem Druck der Autolobby diesmal standzuhalten und keine staatliche Abverkaufs­förderung für überschwere Auspuffträger zu gewähren. Der Optimist in mir sieht hier die Morgenröte eine Zeitenwende leuchten, die Care-Revolution. Deutlich zu sehen ist auch die Renaissance des Staates als Autorität, nach vielen Jahren der Agitation neoliberaler, neofeudaler und neoanarchistischer Staatsfeinde. Die große Mehrheit hat erkannt: In Zeiten des Notstands ist der Staat unverzichtbar, um Menschenleben zu retten. Leider hat sich dabei auch die große Schwäche des politischen Systems der Menschheit abermals offenbart: Obwohl die Seuche als Pandemie schon im Januar 2020 eine globale Bedrohung war, wurden die Seuchenregimes strikt national organisiert, weil unsere Staatenwelt nach wie vor borniert nationalhierarchisch ist. In Zeiten einer weltweiten Informationsgesellschaft, eines welt­weiten Kulturraums (und, wie wir lernen mussten: eines weltweiten Virenbiotops) ist das extrem anachronistisch. Dieser Anachronismus wird mit Zähnen und Klauen verteidigt, etwa mit wüsten Affekten und Verleumdungen gegen die Weltgesundheits-Organisation WHO, die von herrschsüchtigen und narzisstisch verstrahlten Beton­köpfen gestreut wurden und werden. Ob diese reaktionären Schattenfiguren bald vom hellen Licht der internationalen Solidarität überstrahlt werden – das bleibt zu hoffen und in unserer Verantwortung als linke Demokraten.

Andere Stimmen zum Thema

Eine solche Pandemie gab es noch nie. Eine Analyse von Jakob Simmank, Die Zeit 25.3.2020. Daraus vier Zitate:

Wie wohl bei keiner anderen Pandemie gibt es nur noch ein Thema, über das die Menschen reden – und nur noch ein Thema, das die Politik umtreibt: Corona. Das beobachtet auch Thomas Zimmer. Der Historiker von der Uni Freiburg ist Experte für die Geschichte der internationalen Gesundheitspolitik… Schulen, Bars und Geschäfte zu schließen, Grenzen dichtzumachen – „eine derart massive politische Reaktion auf ein Gesundheitsproblem hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben“, sagt Zimmer.

Noch im vergangenen September hieß es in einem Bericht des Global Preparedness Monitoring Boards: „Die Welt ist nicht auf eine Pandemie mit einem sich schnell ausbreitenden, virulenten Atemwegskeim vorbereitet“, die bisherigen Bemühungen seien gut, aber „hochgradig ungenügend“. Es fehle an Überwachungssystemen, Lagerkapazitäten und einem starken öffentlichen Gesundheitsdienst, der Infektionsketten aufspürt.

Und noch etwas lehren uns vergangene Ausbrüche: Wir müssen schnell sein. Sehr schnell. Mike Ryan, der oberste Seuchenschützer der WHO, der geholfen hat, einen Ebola-Ausbruch nach dem anderen einzudämmen, sagt: „Seien Sie schnell. Bereuen Sie nichts.“ Er sagt auch: „Geschwindigkeit sticht Perfektion. […] Der größte Fehler ist, gelähmt zu sein von der Angst, zu versagen.“ Ryans Botschaft lässt das, was momentan in Deutschland und Europa passiert, in anderem Licht erscheinen. Natürlich weiß niemand genau, welchen Effekt etwa Schulschließungen haben werden. Was uns Pandemien aber lehren: Wir können nicht warten, wir müssen etwas tun.

Steven Taylor ist klinischer Psychologe an der University of British Columbia und hat mit „The Psychology of Pandemics“ das vielleicht umfangreichste Buch über das Thema geschrieben. Er sagt: „Das Aufkeimen von Fremdenfeindlichkeit und Panikkäufe oder die Nachfrage nach Quacksalbermitteln – all das kennen wir von vorherigen Pandemien.“ (…) Die vielleicht wichtigste Lektion… Taylor sagt nämlich, es geschehe nicht das während einer Pandemie, was Hollywood-Filme erzählen. Es komme nicht zum Totalzusammenbruch, zum Chaos, zum Alle-gegen-Alle. Vielmehr habe man immer wieder beobachtet, dass sich die Menschen gegenseitig halfen, dass sie nett zueinander waren. Während einer Pandemie, das lasse sich immer wieder beobachten, sind Menschen solidarisch miteinander.

Gespräch mit dem Verfassungsrechtler Christoph Möllers über Corona und Freiheitsrechte in der Süddeutschen Zeitung vom 30.12.2020.


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Veröffentlicht von

jejko

Historiker, Politologe, Texter, Rheinländer in Westfalen, Sänger, Radfahrer, Wanderer, Naturbursche, Baumfreund, Pazifist

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