Dumm oder böse? Faschismusbegriffe im Positivismusstreit

In Facebook begeg­nete mir im Juni 2024 ein Zitat des briti­schen Mathe­ma­ti­kers und Philo­so­phen Bertrand Russell, der 1940 auf die Frage, wie Faschismus beginne, geant­wortet hat: „First, they fasci­nate the fools. Then they muzzle the intel­li­gent.“ (Zuerst faszi­nieren sie die Dummköpfe. Dann bringen sie die Intel­li­genten zum Schweigen.) Ich antwor­tete per Kommentar: „Russell irrte in diesem Punkt. Faschisten und Demokra­tinnen unter­scheiden sich nicht entlang von Dummheit und Intel­li­genz, sondern entlang von destruk­tivem und lebens­freund­li­chem Charakter. Faschismus ist ein Charakter­fehler. Auf Basis eines lebens­feind­li­chen Charak­ters kann es durchaus schlau sein, Faschistin zu werden. Das sagte Erich Fromm, dem ich hier folge.“
Zwei Tage zuvor hatte ich den Wikipedia-Artikel »Wissen­schafts­kritik« gelesen und bearbeitet, war dabei auf das Thema Positi­vis­mus­streit gekommen. Meine These ist, dass die beiden philo­so­phi­schen Positionen im Positi­vis­mustreit der 1960er Jahre mit den Positionen “dumme Faschisten” vs. “böse Faschisten” parallel laufen.

Was ist Wissenschaft?

Ab 1961 stritten sich der Philo­soph Karl Popper und der Sozio­loge Hans Albert auf der einen Seite, die Philo­so­phen und Sozio­logen Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Jürgen Habermas auf der anderen Seite um die Frage: Was ist Wissen­schaft und welche Rolle spielt sie in der Gesell­schaft? Grob gesagt, bestand ihre Diffe­renz darin: Popper und Albert wollten eine Methodik wissen­schaft­li­cher Arbeit etablieren, die gewähr­leistet, dass die dabei gewon­nenen Erkennt­nisse konti­nu­ier­lich zunehmen. Dazu gehörte auch ein Ausschluss­kriterium für poten­ziell dogma­ti­sche, irrefüh­rende Thesen. Adorno, Horkheimer, Marcuse und Habermas wollten gewähr­leisten, dass wissen­schaft­liche und speziell sozio­lo­gi­sche Arbeit den Menschen hilft, sich von Herrschaft zu befreien. Den »Positi­visten«[2] warfen sie vor, ihr quasi-physi­ka­li­sches Sozio­lo­gie­ver­ständnis verschleiere die Inter­essen und Herrschafts­struk­turen in der Gesell­schaft. Drum herum las ich, dass der Mathe­ma­tiker Bertrand Russell die »Positi­visten« Popper und Albert angeregt und unter­stützt hatte, der Sozial­psy­cho­loge Erich Fromm dagegen die »Sozia­listen« Adorno, Horkheimer und Marcuse. Schauen wir mal, wie sich dieser Unter­schied auf ihr jewei­liges Faschis­mus­ver­ständnis auswirkte!

Faschisten sind anders als ich. Ich bin intelligent, also müssen sie dumm sein

Popper bezeich­nete seine eigene Methodik als »kriti­schen Ratio­na­lismus«. Wenn diese Bezeich­nung in einer Polemik auftaucht, sugge­riert sie, dass die Gegen­po­si­tion unkri­tisch und irrational vorgeht, oder, platt gesagt: dumm ist. In dieser Linie war die Dummhei­ten­schub­lade Russell schnell bei der Hand, als es um Faschisten ging. Russell stellte, verkürzt gesagt, fest: „Faschisten sind ganz anders als ich. Ich bin intel­li­gent. Also müssen Faschisten dumm sein.“ Eine Sicht­weise, die in den Anti-AfD-Polemiken des Jahres 2024 immer noch sehr beliebt war und ist, weil sie den Egos der Antifa­schis­tinnen schmei­chelt. Spätes­tens seit Goebbels und Heydrich wissen wir Histo­riker aber, dass Faschisten hoch intel­li­gent sein können. Durch die Indus­tri­ellen Fried­rich Flick oder Carl Krauch wissen wir, dass es sehr schlau sein kann, sich den Faschisten anzudienen. Noch nicht einmal die katastro­phale Nieder­lage des Hitler­re­gimes hat den Familien der Kapital­fa­schisten nachhaltig geschadet. Was also soll an Thyssens und Flicks Entschei­dung, auf das Pferd Adolf zu setzen, dumm gewesen sein?

Adorno und Horkheimer bezeich­neten ihre Unter­su­chungen und Betrach­tungen als »kriti­sche Theorie«. Darin steckte in der Polemik ebenfalls der Vorwurf an die Gegen­seite, unkri­tisch zu sein. Sie meinten damit: nicht gesell­schafts­kri­tisch, also unkri­tisch gegen­über den vorge­fun­denen Herrschafts­verhältnissen in der (meist kapita­lis­tisch geprägten) Gesell­schaft. Ihre sozia­lis­ti­sche Gesell­schafts­kritik war stark moralisch-ethisch motiviert, was in Adornos Exilno­tizen, die er 1951 als »Minima Moralia« veröf­fent­lichte, beson­ders deutlich zu spüren ist. Adorno knüpfte bewusst an Aristo­teles‘ Anspruch an, dass Philo­so­phie den Menschen helfen solle, ein gutes Leben zu führen. In der tägli­chen Qual des aus Nazideutsch­land verjagten, in die Vorstädte von Holly­wood geschleu­derten deutschen Denkers betrau­erte Adorno die schrei­enden Wider­sprüche des »falschen Lebens«, des »entfrem­deten Lebens«. Das »richtige Leben« konnte er, ähnlich wie Kurt Tucholsky schon 1919 (»Wir Negativen«) und Erich Kästner 1925 (»Wo bleibt das Positive?«), nur noch in So-nicht-Sätzen finden.

Mit einer Ausnahme: In dem Aphorismus Sur l’eau („Vom Wasser“) stellte Adorno, wie Martin Seel formu­lierte, „dem Modell der Produk­tion […] ein Modell der Kontem­pla­tion“ gegen­über,[3] das er als Leitbild eines guten und richtigen Lebens in ein utopi­sches Bild fasste: „auf dem Wasser liegen und fried­lich in den Himmel schauen, ‚sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestim­mung und Erfül­lung‘ [Hegel][4] könnte anstelle von Prozess, Tun, Erfüllen treten“ (MM 177). Adornos letzter Gedanke in dem Buch klingt katho­lisch: „Philo­so­phie, wie sie im Angesicht der Verzweif­lung einzig noch zu verant­worten ist“, solle die Dinge so betrachten, „wie sie vom Stand­punkt der Erlösung aus sich darstellten“ (MM 281).

Faschismus als Charakterproblem

Erich Fromm griff diesen Ansatz in den Werken »Haben oder Sein« und »Anatomie der mensch­lichen Destruk­ti­vität« auf. Anknüp­fend an den von Adorno und Horkheimer skizzierten »autori­tären Charakter« definierte Fromm Faschismus als Ausdruck eines »destruk­tiven« oder gar »nekro­philen Charak­ters« (d. h. eines Leichen liebenden Menschen wie Hitler oder Eichmann), mithin über die Moral jener Menschen. Was sie zu Faschisten macht, ist das, was sie wollen.

Für Popper (und wahrschein­lich auch Russell) waren solche Betrach­tungen ein rotes Tuch. Popper schrieb ausdrück­lich: „Die Ethik ist keine Wissen­schaft.“ Und: „Alle Diskus­sionen über die Defini­tion des Guten oder die Möglich­keit es zu definieren, sind völlig unnütz.“ Ähnlich wie schon David Hume vertrat er den Stand­punkt, dass sich aus einer Tatsa­chen­fest­stel­lung niemals eine Norm für mensch­liches Verhalten ableiten lasse. Da Popper und Russell das privat, wie wohl jeder Mensch, mutmaß­lich dennoch taten, also zum Beispiel nach Berichten über faschis­ti­sche Untaten ihren Abscheu gegen­über den Tätern äußerten, mussten sie zur Begrün­dung ihrer Empörung die Bosheit der Faschisten bewusst auslassen und statt ihrer deren angeb­liche Dummheit aufspießen – denn Dummheit ließ sich in Intel­li­genz­tests als Tatsache messen. Aller­dings nur indivi­duell und nie kollektiv, bezogen auf eine Gruppe wie die Faschisten.

Könnte man eine Charakter-Dicho­tomie wie Fromms Paar Destruktiv–Lebens­freundlich nicht genau so gut (oder schlecht) wie Dummheit und Intel­li­genz per Frage­bögen und Prüfungs­aufgaben testen und messen? Wahrschein­lich ja. Leider tut man das meines Wissens nicht, und ich habe auch eine These über den Grund anzubieten: Weil Herrschende wie Elon Musk Angst vor den Ergeb­nissen solcher Tests haben müssen, was sie selbst betrifft; während sie bei Intel­li­genz­tests davon ausgehen, dass sie selbst auch per Test die Intel­li­gen­testen sind und deshalb zum Herrschen geboren und geeignet. Deshalb wohl gibt es Geld für Intel­li­genz­tests und kein Geld für Charak­ter­tests.


[2]     Adorno nannte seine Gegner in diesem Streit Positi­visten, setzte sie also mit der vom Sozio­logen Auguste Comte um 1850 begrün­deten Lehre gleich, nach der Sozio­logie wie Physik und Chemie nur „positive“, d. h. messbare und in Zahlen beschreib­bare Eigen­schaften unter­su­chen dürfe. Schon um 1930 hatte sich Adorno gegen den Wiener Kreis der „Logischen Empiristen“ um Rudolf Carnap, Richard von Mises und Moritz Schlick gewandt, die auch Neopo­si­ti­visten genannt wurden. Popper stand in jungen Jahren diesem Kreis nahe.

[3]     Martin Seel: Das Richtige im Falschen. In: Die Zeit. Nr. 19 vom 3. Mai 2001

[4]     Von Adorno als Zitat gekenn­zeichnet, aber nicht näher ausge­wiesen; es stammt aus Hegels Wissen­schaft der Logik, Erster Teil, Erstes Buch: Die Lehre vom Sein.

Veröffentlicht von

Jens J. Korff

Historiker, Politologe, Texter, Rheinländer in Westfalen, Sänger, Radfahrer, Wanderer, Naturbursche, Baumfreund, Pazifist

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