Hochwasserschäden in Stolberg 2021

Ungebremst in die ökologische Katastrophe

»Zeit«-Redakteur Bernd Ulrich, der sich wie kein zweiter dort mit der Klima­ka­ta­strophe und dem Arten­sterben ausein­ander gesetzt hat, verzwei­felte Ende 2025. Er begrün­dete im Dezember, warum der Satz „Die Mensch­heit hat beschlossen, ungebremst in die ökolo­gi­sche Katastrophe zu gehen“, der ihn jahre­lang verfolgte und dem er jahre­lang wider­spro­chen habe, eben doch richtig sei.

Er begrün­dete es für jeden einzelnen seiner Teile: „Die Mensch­heit…“ – „…hat beschlossen…“ – „…ungebremst…“ – „in die ökolo­gi­sche Katastrophe zu gehen“.

Die Begrün­dung der Formu­lie­rung „die Mensch­heit“ fiel dabei eher schwach aus – Ulrich schränkte sie selber ein: „Wobei Mensch­heit natür­lich nicht heißen kann: alle. Und nicht: alle gleicher­maßen“. Ich plädiere vor allem aus takti­schen Gründen dafür, stets bestimmte Teile der Mensch­heit als Schul­dige zu benennen, zum Beispiel das fossile Imperium einschließ­lich seiner Unter­stützer und Nutznie­ße­rinnen. Weil wir uns sonst selber jede Energie rauben, den Weg einiger Macht­haber und ihrer Anhän­ge­rinnen in Zerstö­rung und Selbst­zer­stö­rung zu stoppen und die Macht­haber (es sind nun mal fast ausschließ­lich Männer) zu entmachten.

Ulrich erkannte dabei einen engen, auch kausalen Zusam­men­hang zwischen dem Siegeszug des fossilen Imperiums und dem Siegeszug natio­nal­kon­ser­va­tiver und faschis­ti­scher Parteien. Ich selbst habe letzteren bislang als Rache­feldzug einer Arbei­ter­aris­to­kratie, zum Beispiel von Automo­bil­ar­bei­tern gedeutet, die dabei waren, ihre gewohnten Privi­le­gien zu verlieren. Ulrich ergänzte den plausi­blen Gedanken: Die syste­ma­ti­sche Selbst­ver­ro­hung, die mit dem Siegeszug der Rechts­par­teien einher­geht, dient offenbar dazu, das humanis­ti­sche Selbst­bild, die Normen der Mitmensch­lich­keit, die es in allen Kulturen und Religionen bislang gab, zu zerstören, da sie im Wider­spruch zum Selbst­zer­stö­rungs­be­schluss des fossilen Imperiums stehen. Also: Zuerst zerstören die Faschisten die Menschen­rechte, dann zerstören ihre Auftrag­geber in den Öl‑, Gas‑, Chemie‑, Beton- und Autokon­zernen den Rest der Mensch­heit und große Teile des Lebens auf der Erde – in der Hoffnung, dass eine kleine Elite bewaff­neter Pick-up-Fahrer übrig bleibt und wieder von vorne anfangen kann. Das ist ihr Plan.

Einwände

Apoka­lyp­ti­sche Prognosen sind immer fragwürdig; das habe ich in dem Beitrag Das Ende ist nah – Und wehe, wenn nicht! ausge­führt. “Zeit”-Journalistin Petra Pinzler sieht das offenbar ähnlich und hat eine Woche später in ihrem Beitrag “Lob der kleinen Schritte” die Position vertreten, dass wir uns von großen Gemälden in Schwarz nicht davon abbringen lassen sollten, weiterhin Schritt für Schritt das mutmaß­lich Richtige zu tun und die vielen Erfolge zu feiern.


Veröffentlicht von

Jens J. Korff

Historiker, Politologe, Texter, Rheinländer in Westfalen, Sänger, Radfahrer, Wanderer, Naturbursche, Baumfreund, Pazifist

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