88 Anti-Dogmen

Mischen Sie heute mal einen
hartnäckigen Glaubenssatz auf!

Dogmen wie „Kapital ist ein scheues Reh“, „Wer A sagt, muss auch B sagen“, „Der kleine Mann kann da gar nichts tun“, „Öko ist nur was für Reiche“, „Wer arbeiten will, findet auch Arbeit“ oder „Frauen heulen immer gleich los“ werden oft benutzt, um Diskussionen zu beenden, kritische Fragen abzublocken und Herrschaft zu zementieren. Wer sich das nicht länger gefallen lassen will, findet hier passende Antidogmen mit Begründung. Fröhliches Widersprechen wünscht Ihnen Jens Jürgen Korff, Historiker, Politologe und Werbetexter in Aachen und Bielefeld.

Ein ABC der Antidogmen, geordnet nach Stichworten. Manche davon sind ihrer Form nach keine Glaubenssätze (Dogmen), sondern Lebensregeln (Heuristiken).

Alternative:
Es gibt immer eine andere Möglichkeit. (Leonardo da Vinci)

Ändern:
Wer leidet, will das ändern.

Anfangen:
Eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. (Laoze)

Arbeitslose:
Welchen bezahlten Job haben Sie denn zu vergeben? (B. Traven)

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Stefan Austs Gewaltkultproblem und seine aktuellen Folgen

Der konservative Journalist und »Welt«-Herausgeber Stefan Aust lieferte im Februar 2024 eine historisch anmutende Abrechnung mit dem angeblich grün träumenden »Ampeldeutschland« ab. Der Ökoblogger Helmut Federmann schickte sie mir zu. Der durch und durch konservativ und miltaristisch gestrickten Analyse möchte ich bei fast jedem Satz des bekannten Publizisten widersprechen. Vier Beispiele aus seiner Einleitung:

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Deutschland ohne Nazis I: Bismarck und Bebel im Finale

Die Nazizeit, sagte AfD-Gauland, war ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte. OK, wir schauen uns den Rest der Geschichte an! Deckt er die ewigen Legenden der Konservativen und Deutschnationalen? Oder finden Linksdemokraten und Pazifistinnen dort ihre Wurzeln? Fragen an den Historiker Korff. Im ersten Teil der Serie lässt Korff Bismarck und Bebel gegeneinander antreten.

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Voller Morden? Nein, die Welt ist voller Küsse.

Eine Welt voller Küsse: Massenküssen in Zürich (Youtube-Video)

Der britische Philosoph Thomas Hobbes behauptete im 17. Jahrhundert, die Menschheit sei von Natur aus in einen Krieg aller gegen alle verstrickt, und nur dank einiger absoluter Herrscher sei dieser Kriegszustand in vielen Ländern unterdrückt. In anderen Gestalten tauchte das gleiche Dogma seitdem immer wieder auf. Etwa in der Form: „Die Welt ist voller Morden“ (Walter Flex 1917). Oder: „Wo man hinschaut: Die Welt brennt an allen Ecken und Enden.“ So geisterte es 2014, hundert Jahre nach Beginn des I. Weltkriegs, durch Kommentare, Moderationen und Facebook-Beiträge.[1] 2023, mit dem Ukrainekrieg und dem neuen Nahostkrieg im Nacken, schien alles noch viel schlimmer geworden zu sein. Doch ich bin geneigt, das Dogma in dieser Form für einen Irrtum zu halten, den man buchstäblich widerlegen kann. Denn jeden, der mich jetzt ungläubig und kopfschüttelnd anstarrt, bitte ich, den Bildschirm für drei Minuten auszuschalten und in dieser Zeit alle Länder aufzuzählen, in denen jetzt, also am heutigen Tage, Menschen im Krieg gestorben sind.

Ja, meine Liebe, mein Lieber – welche Länder sind das?

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Das Böse im Auge

Das erste Foto hat mir schon gereicht: eine Schnellstraße, zwei quer stehende, ausgebrannte Autos, aufgerissene Türen. Auf der Fahrbahn liegen, schemenhaft zu sehen, die Leichen der beiden Fahrer. Die Hamas ist im Zentrum des Bösen angekommen. Muss ich irgendwas revidieren? Ich glaube nicht, denn als Pazifist und Friedenskämpfer habe ich diese Truppe und Mörderbande auch vorher schon nicht ausstehen können oder genauer: als feindliche Kraft erkannt.

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Gibt es einen Wachstumszwang „im Kapitalismus“?

Die Publizistin Annette Schlemm sagte in einer Diskussion in ihrem »Philosophenstübchen«: Der Kapitalismus habe vierzig Jahre Zeit gehabt, einen Weg aus dem Ressourcen- und Klimadilemma zu finden, und habe ihn nicht gefunden. Ist das nicht merkwürdig formuliert? Das klingt so, als wäre »der Kapitalismus« eine Regierung, die wir gewählt haben, oder ein Dienstleister, den wir beauftragt haben und bezahlen. Das klingt so, als gäbe es einen Hohen Rat des Kapitals, der regelmäßig über diese Frage berät und entscheidet. Den gibt es aber nicht. Dazu kommen weitere Einwände: Unternehmen und ganze Branchen können auch schrumpfen, ohne zusammenzubrechen. Die biologische Metapher ist falsch. Selbst Investoren können mit Verlusten leben und haben zuweilen andere Motive als den platten Gewinn. (Foto: Korff)

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Ist Negatives konsensfähiger als Positives?

Richard Häusler, Leiter der Berliner Beratungsagentur Stratum Consult, agitierte im Mai und Juli 2023 gegen positiv formulierte Nachhaltigkeitsziele, also das UN-Programm eines »guten Lebens für alle«. Er verwies darauf, dass Menschen sehr unterschiedliche positive Ziele verfolgen, und fragte: „Wie kommen wir also dazu, unter dem Ethos-Label „Nachhaltigkeit“ ein einheitliches Lebensglück und -ziel für alle zu postulieren?“ Während positive Ziele kaum konsensfähig seien, seien wir uns in der Regel schnell darüber einig, welche negativen Erlebnisse und Gefahren wir vermeiden wollen. Dieser Ansatz prägt auch viele Kunstwerke. Ich stimme seiner Schlussfolgerung zu, nicht jedoch seiner anthropologischen Herleitung, und biete eine sozialkulturelle Alternative an.

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Herrmanns Heuchelei zum Schutz der Schützen

Im bayerischen Ort Langweid hat ein Sportschütze im Juli 2023 mit seiner legal erworbenen Mordwaffe drei Nachbarn erschossen. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erklärte danach eiligst, man dürfe sich nun keineswegs Gedanken über die Legalität von Mordwaffen in den Händen von Sportschützen machen. Stattdessen müsse man erst einmal herausfinden, wieso der Täter derartig ausgerastet sei: „In welchem Verein war er Mitglied? Wie hat sich das entwickelt? Hat man vorher irgendwelche Probleme bei dem Täter erkennen können, dass er psychisch auffällig war?“ Was für eine Heuchelei!

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Heute im Programm: Wagner für Warlords

Im Juni 2023 wagte Alexander Prigoschin, Kommandant der russischen Söldnertruppe »Wagner«, einen Putschversuch gegen Präsident Putin und Kriegsminister Schoigu, denen er Versagen bei der Planung des Krieges gegen die Ukraine vorwarf. Das WDR3-Mosaik spielte am 27. Juni aus diesem Anlass den Pilgerchor aus Richard Wagners Oper »Tannhäuser«, und Moderator Michael Struck-Schloen wunderte sich über den Namen »Wagner«. Ja, damit sei tatsächlich der Komponist Wagner gemeint. Aber was, um Himmels willen, habe denn Wagner und seine Musik mit dem Krieg zu tun? Ich erlaube mir hier zu antworten.

Bild: Cesare Viazzi: La cavalcata delle Valchirie (Der Ritt der Walküren) – Wikimedia Commons

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Was Elon Musk gegen die Künstliche Intelligenz hat

Ende März 2023 veröffentlichte das Future of Life Institute in Narberth, Pennsylvania (USA), einen offenen Brief, der die KI-Labore wegen drohender Gefahren zu einem sechsmonatigen Entwicklungs­moratorium und die Gesetzgeber zu regulierenden Gesetzen aufrief. Zu den Erstunterzeichnern gehörten Tesla- und Twitter-Chef Elon Musk, der Apple-Mitbegründer Steven Wozniak und der Skype-Gründer Jaan Tallinn. Der Aufruf brachte einmal mehr ohne Indizien oder Begründung die KI in Zusammenhang mit Propaganda und Lügen („Should we let machines flood our information channels with propaganda and untruth?“) und stellte weitere steile Thesen auf wie die, dass KI uns Menschen überall ersetzen und die Zivilisation wegen KI außer Kontrolle geraten könne. Alles rhetorisch so gesetzt, als seien die KI-Entwickler, also Leute von OpenAI, Microsoft und Google, Menschen, die das alles wollen oder billigend oder fahrlässig in Kauf nehmen, und als seien die Unterzeichner die Leute, die das nicht wollen.

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Wird die KI das Problem der »Fake News« verschlimmern?

Im internen Chat eines Berufsverbands der Kreativwirtschaft ging es seit Dezember 2022 hoch her: Viele Kolleginnen und Kollegen probierten den KI-Bot ChatGPT aus und tauschten sich über ihre Erfahrungen aus. Eine Kritik an der neuen Technik kam immer wieder auf: die Prognose, die KI werde von Konzernen, Diktatoren und Trollen dazu genutzt werden, gewaltige Fluten von »Fake News« zu erzeugen, die die allgemeine Verwirrung noch weiter steigern werden. Als Historiker und Politologe frage ich: Ist diese Prognose plausibel? Und ist das wirklich das zentrale Problem der KI-Bots?

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