Am Karfreitag starb nicht nur Jesus von Nazaret am Kreuz, sondern auch Judas Iskariot am Baum. Da Jesus ihn als Verräter und Teufel beschimpft (Johannes 6, 70) und dem Verräter den Untergang prophezeit hat (Lukas 22, 22), haben wir uns angewöhnt, diese Sichtweise zu übernehmen und den Stricktod des Judas als gerechte Strafe zu bewerten. Die Verräterfigur Judas wurde zum Bestandteil des christlich motivierten Antisemitismus, des Hasses auf die Juden als »Gottesmörder« und Lumpen. Mein Lieblings-Evangelist Tim Rice übernahm diese Vorurteile nicht und ließ 1970 in der Rockoper »Jesus Christ Superstar« Judas ausführlich selber zu Wort kommen.
Jesus und Judas – wer hat wen verraten? weiterlesenKategorie: Basta-Dogmen
Mit Beethoven gegen die Folter
Künstler können die Welt nicht verändern? Das kann man anders sehen. Der britische Evolutionspsychologe Steven Pinker ging in dem 2011 erschienenen Mammutwerk »Gewalt« der Frage nach, warum sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Europa eine Kultur des Mitleids, der Empathie ausbreitete (damals Empfindsamkeit genannt) und dafür sorgte, dass die Folter stark eingeschränkt wurde, dass die Todesstrafe auf wenige Verbrechen beschränkt wurde, …
Foto: Gefangenenchor zur Première einer Aufführung der Oper Fidelio am 28. Juni 2014 im Gefängnishof der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus. Von Nurfoto – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33655014
„Die Zielscheibe ist eindeutig faschistisch“
Ein Diskurs über Hopp, Hoffenheim und die Dortmunder Ultras
BALLO: Was hältst du von der Aufregung im Fußballzirkus wegen der Beleidigung des Milliardärs Dietmar Hopp? Ist das nicht arg übertrieben, was Rummenigge und andere da jetzt veranstalten?
„Die Zielscheibe ist eindeutig faschistisch“ weiterlesenFünf Thesen zu #Thüringen
Das hysterische Geschrei um die Ereignisse in Thüringen überschritt im Februar 2020 sämtliche Lärmschutz-Grenzwerte. Geht das Ganze auch eine Nummer bedächtiger? Ich versuch’s mal mit fünf Klarstellungen, die mir wichtig erscheinen.
- Kemmerich ist kein Faschist, sondern ein Liberaler. Seine Wahl ist keine Machtergreifung. Er trachtet niemandem nach dem Leben.
- Höcke ist zwar ein Faschist, aber die AfD als Ganzes ist keine faschistische Partei, sondern eine nationalkonservative.
- Nationalkonservativ zu sein wie die AfD ist schlimm genug. Alle Nazivergleiche sind falsch, weil sie die Naziverbrechen verharmlosen. Die AfD ist vielmehr mit der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) zu vergleichen.
- Der Landtag wurde so gewählt, wie er ist. Das haben wir als Demokraten zu respektieren. Die Wähler haben gesprochen.
- Eine Auflösung des Landtags wäre eine Dummheit, weil bei Neuwahlen die AfD wahrscheinlich noch stärker wird. Das bitte aus Weimar lernen!
Die Widersprüche der Digitalisierungskritiker
Walter van Rossum moderierte im Herbst 2019 eine Sendung der WDR-Reihe »Gutenbergs Welt« über »digitale Ideale«. Schon gleich am Anfang behauptete er, dass es „früher“ noch einen Glauben an den Fortschritt gegeben habe, „heute aber“, wenn es ums Digitale gehe, nur Leerformeln gedroschen würden vom Anschluss, den wir nicht verlieren dürften usw. Offenbar konnte er sich keine utopischen Ziele vorstellen, die mit digitalen Techniken gelöst werden könnten. „Die Wonnen des sich selbst befüllenden Kühlschranks oder die Verheißungen des autonomen Fahrens reißen zwar niemanden vom Hocker, werden aber als Bedingungen unseres Überlebens verkauft.“ Massive Probleme der Digitalisierung würden verschwiegen. Nämlich dass bis zu 50 % der Arbeitsplätze wegrationalisiert werden könnten.
Hmm – haben „früher“ nicht Marxisten stets gejubelt, wenn uns der Fortschritt der Produktivkräfte von der Last sehr vieler Arbeit befreit hat? Bieten diese 50 % nicht die Chance, die Arbeitszeit für alle zu halbieren?
Die Widersprüche der Digitalisierungskritiker weiterlesenDer umgedrehte Hobbes: Jäger und Sammler waren nicht kriegerisch, sondern solidarisch
Der immer noch häufig zitierte britische Philosoph Thomas Hobbes behauptete 1651 in seinem staatstheorethischen Werk »Leviathan«, die Menschen im Naturzustand hätten einen Krieg aller gegen alle (bellum omnium contra omnes) geführt. Diese These warf eigentlich immer schon die Frage auf, wie die Menschheit diesen lebensgefährlichen Zustand über Zehntausende von Jahren hinweg überlebt haben soll. Dass an Hobbes’ Theorie und Basta-Dogma nichts dran ist, zeigen neuere Erkenntnisse von Anthropologen und Genetikern, die Carel van Schaik und Kai Michel 2016 zusammentrugen.
Der umgedrehte Hobbes: Jäger und Sammler waren nicht kriegerisch, sondern solidarisch weiterlesenHallo Vergewaltiger! So klappt es mit der Vergebung des Opfers
Als Überlebender eines sexuellen Missbrauchs in meiner Kindheit hörte ich am Karfreitag 2019 in der WDR-Reihe »Lebenszeichen« einen Beitrag von Christoph Fleischmann: »Über den Umgang der Kirche mit Schuld | Vergebung oder Gerechtigkeit?« Es ging um den sexuellen Missbrauch in katholischen Internaten usw. und den Umgang mit Opfern und Tätern dieser Verbrechen. Dabei wurde problematisiert, wie stark katholische Geistliche darauf aus sind, dass die Opfer den Tätern ihre Tat vergeben. Das tue auch den Opfern gut, sagen die Bischöfe. Eine Zumutung! Sie leidet an einem großen Denkfehler. Hallo Vergewaltiger! So klappt es mit der Vergebung des Opfers weiterlesen
“Die Politik hat versagt”? Falscher Sprachgebrauch
Mit Politik war bis ins frühe 21. Jahrhundert in der Regel ein Tätigkeits- und Interessengebiet der Menschen gemeint. Politik war etwas, das man macht; genauer: etwas, das in einer Demokratie sogar jeder von uns machen kann. „Politik machen“ hieß: sich um Angelegenheiten des Staates, der Gesellschaft, des öffentlichen Zusammenlebens der Menschen kümmern; sich informieren, sich eine Meinung bilden, diese Meinung öffentlich äußern, mitdiskutieren, Vereine bilden, demonstrieren, abstimmen, wählen, kandidieren. Um 2005 änderte sich die Bedeutung des Wortes Politik. “Die Politik hat versagt”? Falscher Sprachgebrauch weiterlesen
Zwölf Ideen für die Revolution 2019, Baujahr 1919
Im Februar 2019 habe ich, um des hundertsten Jubiläums der deutschen Novemberrevolution zu gedenken, in Bielefeld eine Lesung von Texten damaliger Revolutionärinnen und Revolutionäre veranstaltet. Im Anhang meines Textbuches habe ich versucht, Ideen dieser Menschen auf die heutige Zeit anzuwenden. Herausgekommen sind zwölf Betrachtungen:
- Exportweltmeister? Kein Grund, stolz zu sein (nach Kurt Tucholsky)
- Arbeiten oder Schuften? (nach Kurt Tucholsky)
- Arbeitslose, aufgepasst! (nach Ret Marut al. B. Traven)
- Aufrüstung als epileptischer Anfall (nach Hugo Haase)
- Gewalt kann nichts Heiliges schaffen (nach Ernst Toller)
- Zahlen sind oft ziemlich dumm (nach Alfons Goldschmidt)
- Empathie kommt aus der Distanz heraus (nach Gustav Landauer)
- Warum der NC eine saublöde Idee ist (nach Kurt Eisner)
- Macht ohne Geist ist hohl (nach Klabund)
- Revolution ist Schwesternsache (nach Rosa Luxemburg)
- Politik ist Kunst, und Kunst ist Radau (nach Kurt Eisner und Richard Huelsenbeck)
- Lebenskunst für Regimekritikerinnen (nach Rosa Luxemburg, Erich Mühsam, Hannah Arendt)
Das Ende ist nah. Und wehe, wenn nicht!
Im August 2017 veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung ihre Religionsmonitor-Studie. Dort kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass sich die meisten Muslime in Deutschland nach einigen Jahren, oder wenn sie hier geboren wurden, ziemlich gut ins deutsche Bildungssystem und ins deutsche Berufsleben integrieren. Die Meldungen darüber lösten, wie Said Rezek in der taz am 30.1.2018 rekapitulierte, keine Erleichterung, sondern eine Empörungs- und Hasswelle aus. „Lügenwissenschaft!“ schrien die Deutschnationalen allenthalben und griffen auf Goebbels‘ alte Geheimwaffe zurück, das gefälschte Churchill-Zitat: „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!“ Das christliche Abendland geht unter, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche! Was ist da los? Das Ende ist nah. Und wehe, wenn nicht! weiterlesen
